Wirtschaft : EADS beschließt den neuen Airbus

Künftige Konzernstrategie umstritten/Machtkampf zwischen Paris und Berlin

Nicole Huss

München - Der größte europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS hat eines der wichtigsten Projekte in der Geschichte des Unternehmens beschlossen. Der Verwaltungsrat gab am Freitag grünes Licht für die Entwicklung des Langstreckenflugzeugs A350, mit dem die EADS-Tochter Airbus Boeing die Stirn bieten will. Mit dem A350 reagiert Airbus auf die Pläne des US-Konkurrenten, der sein neues Flugzeug 7E7 von 2008 an auf den Markt bringen will.

EADS und der zweite Airbus-Anteilseigner BAE Systems teilten mit, der A350 solle von ersten Jahreshälfte 2010 an im Liniendienst eingesetzt werden. Die Nachfrage von Kunden sei schon jetzt sehr groß. EADS rechnet mit einem Bedarf von 3100 Flugzeugen in den kommenden 20 Jahren. Der A 350 soll mit Sitzkapazitäten von 245 bis zu 285 Plätzen angeboten werden. Branchenkreise schätzen die Entwicklungskosten auf vier Milliarden Euro. Ein EADS-Sprecher sagte, EADS und BAE Systems wollten erst später entscheiden, ob sie für den A350 Regierungsmittel beantragen.

Ein Erfolgserlebnis wie die Entscheidung über den A350 kann EADS derzeit gut brauchen: Denn während das Topmanagement einmütig über künftige Projekte beschließt, geht hinter den Kulissen der seit Wochen anhaltende Machtkampf um die Führungsspitze weiter. Zwar hat Großaktionär Daimler-Chrysler in dieser Woche den Chef der EADS-Rüstungssparte, Thomas Enders, zum Nachfolger des deutschen Co-Chefs Rainer Hertrich bestimmt. Doch der französische EADS-Anteilseigner Arnaud Lagardère, dessen Entscheidung über den französischen Part des Führungsduos ebenfalls für diese Woche erwartet wurde, hat sich bislang noch nicht geäußert.

Aus Branchenkreisen heißt es, Lagardère habe bereits entschieden, den amtierenden Co-Chef Philippe Camus durch Airbus-Chef Noel Forgeard zu ersetzen. Die französische Regierung, zu der Forgeard enge Kontakte hat, soll Lagardère wochenlang dahingehend bearbeitet haben. Dem Vernehmen nach wollte Lagardère sich nicht vor der Entscheidung über das A350-Projekt zu dem Thema äußern, damit die Beratungen nicht von dem Personalthema überlagert würden. Lagardère werde aber noch vor Weihnachten Stellung beziehen, hieß es am Freitag.

Die Entscheidung über die Führungsspitze wird mit Spannung erwartet, weil sie auch Aufschluss über die künftige Positionierung der EADS geben wird. Einige Analysten vermuten, dass der Konzern im Fall der Ernennung Forgeards stärker in französische Hand geraten könnte. Forgeard gilt als aggressiver als Camus und ist zudem ein enger Vertrauter von Frankreichs Staatspräsident Jaques Chirac, der schon in anderen Fällen – wie bei der Übernahme von Aventis durch Sanofi – massiv in die deutsch-französische Industriepolitik eingegriffen hat. Andere Branchenkenner gehen davon aus, dass der designierte deutsche Co-Chef Enders dafür sorgen wird, die internationale Ausrichtung der EADS zu erhalten und zu stärken. Enders gilt als Transatlantiker und will nach Konzernangaben vor allem das US-Geschäft ausbauen, das großes Umsatzpotenzial bergen soll. Auch das Rüstungsgeschäft, das Enders aus den roten Zahlen führte, soll einen stärkeren Stellenwert bekommen. Bislang trägt es rund ein Viertel zum Konzernumsatz von rund 32 Milliarden Euro bei.

Längerfristig soll EADS Spekulationen zufolge ihr gesamtes Portfolio ausweiten und eine Schlüsselrolle bei der Konsolidierung der europäischen Rüstungsindustrie spielen. Interesse an einer Kooperation mit Thyssen-Krupp im gerade gegründeten Werftenverbund hat EADS schon bekundet. In Berliner Regierungskreisen wird angeblich darüber nachgedacht, dass EADS zur Mutterholding fast aller Rüstungsgeschäfte in Frankreich und Deutschland werden könnte.

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