Wirtschaft : Eberhard Reuther im Interview: Globalisierung macht Maschinenbau krisenfest

Herr Reuther[die Aussichten für die Konjunkt]

Eberhard Reuther steht seit drei Jahren an der Spitze des deutschen Maschinenbaus. Der 59jährige VDMA-Präsident, im Hauptberuf Chef des Hamburger Maschinenbau-Konzerns Körber, sieht rosige Aussichten für die hierzulande wichtigste Wirtschaftsbranche mit 893 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 255 Milliarden Mark.

Doch Facharbeitermangel, die Reformpläne der Regierung, die Folgen von Attacken auf Ausländer und des skandalösen Gerangels um die Stiftungsinitiative bereiten dem Manager Kopfzerbrechen. Mit Reuther sprach unser Frankfurter Korrespondent Rolf Obertreis.

Herr Reuther, die Aussichten für die Konjunktur sind in diesem Jahr nicht mehr so rosig. Aus dem Maschinenbau aber kommen optimistische Signale. Wie passt das zusammen?

Der Maschinenbau ist weltweit tätig. Fast 70 Prozent unserer Produkte gehen in den Export, der größte Teil nach Europa. Dort sind die Aussichten nach wie vor ordentlich.

Das alleine reicht?

Nein. Wir profitieren auch von den Defiziten vieler Länder, die ihre Industrien modernisieren müssen. Deutsche Maschinen können dazu einen hervorragenden Beitrag leisten. Das weiß man jenseits der Grenzen.

Gleichwohl wird das Geschäft in den USA nicht mehr so rund laufen.

Die USA machen für uns knapp acht Prozent vom Umsatz aus. Selbst wenn wir dort ein Drittel verlieren würden, würde uns das nicht in den Abgrund reißen. Auch die amerikanische Industrie - etwa die Automobilbranche - muss modernisieren. Da sind deutsche Maschinen nach wie vor gefragt.

Was ist mit Osteuropa und Asien?

Viele Länder Osteuropas wollen in die EU. Auch das zwingt zur Modernisierung. Deutsche Maschinen haben dort seit jeher einen hervorragenden Ruf. Die Ingenieursdenke ist vergleichbar. Für Osteuropa sind wir fast ein natürlicher Lieferant. Unsere amerikanischen und japanischen Konkurrenten haben dort es sehr viel schwerer. In Asien sind wir mittlerweile mit eigenen Service- und Vertriebseinheiten vertreten, und wir haben lokales Personal. Die Chancen sind gut, dass wir Marktanteile gewinnen.

Profitiert der Maschinenbau von der Rückbesinnung auf die Old Economy?

Die New Economy ist nur dort von Dauer, wo sie auf das Innigste mit uns, mit der Old Economy, verflochten ist. Software, Sensorik, Chip- oder Bilderkennungstechnik werden in unsere Produkte integriert. Auch das ist Teil ihrer hervorragenden Qualität.

In den meisten Firmen brummt es. Es könnte aber noch besser sein, wären genügend Fachleute verfügbar. Wie groß ist der Mangel?

Uns fehlen mindestens 10 000 Ingenieure, das sind weit mehr als wir pro Jahr - normalerweise etwa 6000 - einstellen.

Wo liegen die Ursachen?

In der Krise Anfang der neunziger Jahre haben wir viele Ingenieure verloren, die wir dann später, als sie wieder gebraucht wurden, nicht entsprechend qualifizieren konnten. Derzeit versuchen wir, ältere Fachkräfte zu reaktivieren. Der Erfolg ist begrenzt.

Ist das Interesse für Technik bei jungen Leuten zu gering?

Das Bild des Maschinenbaus muss besser werden. Wir bauen eben nicht nur bloße Maschinen, sondern hochkomplexe Produkte mit allerneuester Technologie, Software und hochmodernen Materialien. Wir arbeiten längst nicht mehr nur mit Gusseisen, Blech oder mit Zahnrädern. Hier müssen die einzelnen Unternehmen, hier muss aber auch der VDMA mehr tun.

Was können die Green Card oder eine vermehrte Zuwanderung bewirken?

Das sind gangbare Wege, die aber nicht nur Ingenieure, sondern auch Studenten einbeziehen müssen. Wir brauchen ausländische Kräfte an unseren Hochschulen. Dabei spielt das Deutschland-Bild im Ausland eine zentrale Rolle: Nur wenn wir uns freundlich und offen verhalten, können wir ausländische Ingenieure und Studenten gewinnen.

Dauerthema Mittelstand und Banken. Fühlen sich die Maschinenbauer von den Großbanken vernachlässigt?

Das gute Verhältnis des Mittelständlers und Unternehmers zum Banker vor Ort ist ungetrübt. Aber der Banker hat es heute schwer, seinen Kreditspezialisten in der Zentrale klar zu machen, dass er mit seinem Mittelständler seit 20 Jahren per Handschlag hervorragend zurechtkommt. Jetzt soll der Unternehmer auf einmal alle Zahlen haarklein präsentieren, ein Rating und einen Businessplan vorlegen. Das sorgt für Irritationen.

Aber die Spielregeln für die Banken ändern sich.

Natürlich. Deswegen dürfen auch Mittelständler nicht nur an Kredite denken, sondern müssen auch andere Finanzierungsformen in Betracht ziehen. Aber es ist unverständlich und inakzeptabel, dass mit der geplanten Fusion von Deutscher und Dresdner Bank vor einem Jahr der Mittelstand bei allen Banken auf einmal unten durch war, weil das Investmentbanking das große Geld versprach. Inzwischen hat sich diese Euphorie gelegt. Und auf einmal sorgt man sich wieder um den Mittelstand. Das wäre so, als ob der Maschinenbau plötzlich die Automobilindustrie abschreiben würde und sich nach zwei Jahren wieder besinnt.

Wie sieht für Sie die Zwischenbilanz der rotgrünen Bundesregierung aus?

Der Schrecken zu Beginn war groß. Dann kamen der neue Finanzminister Eichel, die Debatte um die Steuerreform und der Sparkurs beim Haushalt. Das hat uns positiv gestimmt. Auf einmal haben wir eine wirtschaftsfreundliche Regierung gesehen. Heute muss man sagen: Schröder hat uns Sand in die Augen gestreut.

Wieso?

Teilzeitarbeitsgesetz, Novellierung der Mitbestimmung, neue Abschreibungsfristen - es geht heute alles in die Richtung, die wir am Anfang befürchtet haben. Es droht wieder mehr Regulierung. Die unternehmerische Freiheit wird eingeschränkt.

Macht da das Bündnis für Arbeit noch Sinn?

Der vernünftige Abschluss der Tarifrunde 2000 ist sicher auch ein Erfolg der Bündnisgespräche. Die Runde hat ein gutes Klima geschaffen. Aber jetzt machen die Gewerkschaften bei Schröder Druck. Wenn sie diese Haltung nicht aufgeben, macht das Bündnis für Arbeit keinen Sinn mehr. Wir brauchen aus einer der nächsten Runden einen Erfolg, seien es Einsichten für die kommende Tarifrunde oder das Aus für die Novelle des Betriebsverfassungsgesetzes. Schröder muss zeigen, dass er den Spielraum der Firmen nicht beschneiden will und nicht nach der Pfeife der Gewerkschaften tanzt.

Das Bild der deutschen Wirtschaft wird auch vom Gerangel um die Stiftungsinitiative für NS-Zwangsarbeiter geprägt. Immer noch fehlen 1,4 Milliarden Mark. Was hat der Maschinenbau beigetragen?

Die Stiftungsinitiative ist von 16 Großunternehmen angestoßen worden. Dann war auf einmal die gesamte deutsche Wirtschaft gefragt. Im Maschinenbau gibt es viele mittelständische Firmen, die erst nach dem Krieg gegründet wurden. Viele exportieren nicht nach Amerika. Die sehen keine moralische Verpflichtung. Wieviel die Maschinenbauer beigesteuert haben, weiß ich nicht. Es gibt nur eine Liste der Firmen, die der Stiftungsinitiative beigetreten sind. Viele haben ein Promille ihres Jahresumsatzes überwiesen. Der VDMA hat alle Firmen aufgefordert, mitzumachen. Das Thema muss endlich vom Tisch.

Wie?

Warum greifen wir nicht in Kassen, die prall gefüllt sind und deren Zinserträge nicht genutzt werden - zum Beispiel die Streikkassen der Gewerkschaften und Arbeitgeber. Da ist das Geld. Die Zinsen würden allemal ausreichen.

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