Wirtschaft : Ebony Browne

(Geb. 1974)||„Das ist der Witz, Freunde. Ich hätte mein Leben lang saufen können.“

Jakob Hein

„Das ist der Witz, Freunde. Ich hätte mein Leben lang saufen können.“ Ebony hat sich von uns verabschiedet. In einer E-Mail, die so lang war, wie ihre Schmerzen es zuließen. Sie hat sich vorsorglich verabschiedet, weil sie nicht wusste, ob die Metastasen im Gehirn sie verändern würden. Überall hatte sie Metastasen, außer in der Leber. Das ist der Witz, Freunde. Ich hätte mein Leben lang saufen können bis zum Umfallen, schrieb sie in ihrer letzten Nachricht. Sie schrieb: Ich bin mir sicher, ich habe bestimmt das Leben vieler Schwestern berührt, die bei meinem letzten Krankenhausaufenthalt für mich gesorgt haben, denn ich habe manche von denen total genervt, weil ich Joints im Aufenthaltsraum geraucht habe. Die Worte ließen keinen Zweifel: Die Nachricht kam von Ebony. Freunde, bitte glaubt es mir. Es war eine spaßige Reise.

Ich sah sie das erste Mal im „Schokoladen“. Auf die Bühne kam eine dicke schwarze Frau mit einer Gitarre, und ich befürchtete nur das Schlimmste. Aber ihrer Ausstrahlung konnte niemand länger als ein paar Minuten widerstehen, es gab nur Entweder-oder. Ich liebte Ebony. Bei ihren Auftritten rannte sie als Huhn durchs Publikum und gackerte wie verrückt, oder sie zog sich den Pullover aus, weil das Lied von ihren Brüsten handelte. Aber auch der scheinbare Kontrollverlust war unter ihrer Kontrolle. Später verzichtete sie auf solche Showeinlagen. Sie kam mit ihrer schwarzen Gitarre und begann zu spielen. Das Einzige, worauf sie Wert legte, war Ruhe. Denn sie spielte keine Unterhaltungsmusik, sie erzählte ihre Geschichten und sie wollte, dass die Leute ihr zuhörten. „Rock ’n’ roll, babies!“, rief sie immer zum Schluss.

Als ich ein Buch über die USA abschloss, dachte ich schon daran, dass ich aus diesem Buch gemeinsam mit Ebony vorlesen wollen würde. Sie, eine Frau aus Nordkalifornien, die in Kreuzberg lebte und ich, ein Junge aus Weißensee, der über seine Zeit in den USA geschrieben hatte. So waren wir für eine Zeit gemeinsam unterwegs. Ich holte Ebony immer in der Lübbenauer Straße ab und dann fuhren wir nach München, Halle oder Jena. Nie habe ich mehr botanische Gärten gesehen als in dieser Zeit. Ebony fand botanische Gärten noch in Städten, die selbst nicht wussten, dass sie einen hatten. Wir liefen durch die feuchtwarmen Hallen, und Ebony schrie bei jeder Grünpflanze begeistert auf. Besonders liebte sie die Farne. Ich lief neben ihr her und putzte das Kondenswasser von der Brille. „Dich interessiert das nicht, stimmt’s?“, fragte sie immer wieder. – „Nein, nein“, sagte ich. Zwar interessierten mich die Pflanzen weniger, aber Ebony war eine Attraktion. Im Auto erzählte sie mir von ihrer Halb-Obdachlosen-WG, in der sie mit acht Leuten in zwei Zimmern gewohnt hatte, um nicht auf den Straßen von San Francisco zu schlafen, von ihrer spätlesbischen, hin- und herziehenden Mutter. Und ich erfuhr sogar den Namen in ihrem Pass, weil ich immer die Tickets besorgte. „Ebony Browne“ war nicht ihr standesamtlich registrierter Name. Ich war mit ihr im Krankenhaus, weil sie sich nachts in Halle, auf der Suche nach einem Snack den Knöchel gebrochen hatte. Wenn das Publikum Zugaben wollte, sangen wir ein paar Lieder gemeinsam.

Als sie mich anrief, um zu sagen, dass sie Brustkrebs hatte, erzählte sie das in einem Tonfall, als hätte sie gerade einen Preis gewonnen. Die schlimmste Nebenwirkung der Chemotherapie sei, dass sie davon so lüstern werde. Ohnehin suche sie dringend noch einen Mann, der mit ihr in ihrer letzten Nacht mit zwei Brüsten schlafen würde. Sie benutzte weniger gewählte Worte und fand den Mann.

Als sie mich ein paar Monate später anrief, um mir zu sagen, dass sie so starke Hüftschmerzen habe, sagte sie das in einem Tonfall, als würde eine ihrer Pflanzen verkümmern.

Ich bin nur froh, dass ich ihr sehr früh gesagt habe, sie solle sich in ein Flugzeug setzen und nach Hause fliegen. Morgen, nicht übermorgen. Zwei Wochen später hätte sie nicht mehr reisen können.

Als wir das letzte Mal telefonierten, sagte ich etwas, dass ich sehr selten, vielleicht zu selten sage, weil ich nie weiß, wie es ankommt, und ich nicht mal selbst immer weiß, wie ich es meine. Als ich das letzte Mal mit Ebony telefonierte, gab es dieses Problem nicht. „Ich liebe dich“, sagte ich. – „Ich liebe dich auch“, hörte ich vom anderen Ende der Leitung. Dann legten wir auf.

Der Autor ist Schriftsteller und Arzt. Er war gemeinsam mit Ebony Browne auf Lesereise für sein Buch „Formen menschlichen Zusammenlebens.“

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