Wirtschaft : Eckhard Garczyk

(Geb. 1935)||„Du bleibst der Wichtigste. Aber kann ich nicht der Zweitwichtigste werden?“

Gregor Eisenhauer

„Du bleibst der Wichtigste. Aber kann ich nicht der Zweitwichtigste werden?“ Manche Menschen können ihren Vornamen nicht schreiben. Herr Frankel zum Beispiel. Helmar Frankel. Seines Zeichens Hausierer, Handlungsreisender in Sachen Hygiene besser gesagt. Über dreißig Jahre fuhr er mit seinem chronisch untermotorisierten Dreirad übers fränkische Land und verkaufte Putzlappen und Wischtücher. In früheren Tagen hatte er sich als Zierpilzproduzent versucht, aber da war die Herstellung zu aufwendig. 110 Prozent Gewinn kalkulierte Herr Frankel bei seinen Verkäufen. Das genügte in der Regel für ein Bier und ein Päckchen Zigaretten täglich, und ab und an war sogar ein kleines Geschenk für die Freundin drin.

Herr Frankel war von Geburt an spastisch gelähmt, konnte nur unartikuliert sprechen, wurde früh ins Altersheim abgeschoben und hatte dennoch eine patente Moral: Man kann noch so krumm auf den eigenen Füßen stehen und dennoch gerade durchs Leben gehen.

„Ich brauche Freiheit“, ein kurzer Film, dreißig Minuten, keine cineastische Aktion Sorgenkind, kein Boulevardvoyeurismus, eine einfache Geschichte von einem Menschen, der zu Recht ein wenig stolz sein kann.

Eckhard Garczyk, Sohn des Drahtwebers Franz Garczyk und der Teppichflechterin Maria – Eltern, auf die er stolz war. Aufgewachsen in Dorsten Westfalen. Der Berufswunsch des Pimpfs: Stuka-Pilot. Wenige Jahre später erlebte er in den Schreckensnächten des Luftschutzkellers, wie die Heimatstadt dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Er studierte Philosophie, jobbte in den Semesterferien im Akkord in der Drahtweberei, lernte bei dem katholischen Philosophen Alois Dempf, dass Denk- und Arbeitswelt in eins gebracht werden müssen. Und dennoch ging er zum Fernsehen. Aber er blieb sich treu: Sein Fernsehspiel „Die Siebentagewoche des Drahtwebers Rolf Piechotta“ erhielt die höchstmögliche Anerkennung: Es wurde von den Arbeitgeberverbänden als Musterbeispiel eines kommunistischen Machwerks betrachtet.

Anfang der Achtziger entflieht Eckhard Gar- czyck der Fernsehanstalt und wird freier Filmemacher. Sein Blickwinkel bleibt sich gleich.

Mitten in der Blumenlandschaft Madeiras hält der große, schwere Mann beim Wandern inne, geht in die Knie, trotz Arthrose, und bestaunt gebannt eine winzige hellblaue Blüte, die sich aus einer Mauer gearbeitet hat. Da muss es keine roten Rosen regnen, um das Leben zu lieben.

Zwei gescheiterte Ehen, vier innig geliebte Kinder, und dann noch das späte Glück, vor siebzehn Jahren: Er trifft die Frau seines Lebens. Noch kaum miteinander vertraut, sitzen die beiden in einem Münchner Biergarten. Ihr Sohn, gerade acht, wird in der Gegenwart des fremden Mannes wieder zum Baby, klammert sich an ihren Schoß, lutscht am Daumen. Eckhard schickt sie weg, ein Gespräch unter Männern. Er hält um ihre Hand an: „Du wirst immer der Wichtigste für deine Mutter sein, aber kann ich nicht der Zweitwichtigste werden?“ Man wird sich einig.

All die wunderbaren Jahre – dann die Diagnose Krebs. Das Frotzeln: „Weißt du, ein bisschen freue ich mich sogar auf den Tod. Das ist doch mal wieder eine ganz neue Erfahrung.“ Das Hoffen wider alle Vernunft, treu dem Kinderglauben „Oh Herr im Himmel, mach dass es dich gibt!“ Aber darauf kann man nicht wirklich vertrauen. Bleibt die List Scheherazades: Sich erzählend dem Tod davonstehlen. Mit siebzig begann er zu schreiben, den Roman seines Lebens, die Geschichte eines jungen Mannes aus kleinen Verhältnissen, der den aufrechten Gang auf unsicherem Terrain übt, „Einem unbekannten Gott“, so der Titel. Der Roman wurde fertig, es half alles nichts.

Im April haben sie geheiratet, gefeiert wurde im Eiscafe „Bella Italia“; im Juli saßen sie gemeinsam vor dem Schreibtisch des Arztes. Metastasen. „Und wie lange lebt man mit einer solchen Diagnose?“ „Tage, Wochen, manche sogar Monate …“ Zwei Wochen später starb Eckhard Garczyk. „Wenn die Liebe nicht wäre“, sagte er am Tag vor seinem Tod, „wenn die Liebe nicht wäre, könnte ich leichter gehen.“

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