Wirtschaft : Edith Walz

Geb. 1911

Judka Strittmatter

Die Kinder sagten ihr: „Du kannst die Welt nicht retten.“ Sie hörte nicht auf sie. Manche Menschen sind so: ein Leben lang für andere da. Egal, ob das Leben es auch gut mit ihnen meint. In der Generation der Edith Walz gab’s davon gar nicht wenige , allerdings: Die Generation stirbt aus. Und mit ihr eine schöne Tugend: Demut. Und Dankbarkeit den kleinen Lebensdingen gegenüber. Dass man gesund ist, dass die Sonne scheint, dass die Freunde für einen da sind.

Edith Walz wurde 93 Jahre alt. Ihr Sohn Helmut, schon fast 70, sagt, sie war am Ende ihrer Kraft. Das Wasser steigt ihm dabei in die Augen. Edith Walz war immer gut zu ihrem Sohn, sie war auch eine „In-den-Arm-nehm-Mutter“, zu ihren Zeiten gar nicht üblich. Nie wird er ihr vergessen, was sie ihm einst Liebes tat: Mitte der Fünfziger, Lehrling war er da, gewährte sie ihm ein neues Rad. Gegen den Willen des Vaters, der war gegen einen Ratensparvertrag: „Entweder kann man gleich das ganze Geld hinlegen oder nicht.“

Ein Arbeiterkind war Edith Walz, die früher Fleischer hieß. Vater Sozialdemokrat, lange arbeitslos, die Mutter starb früh weg. Mit sieben Leuten wohnte die Familie auf 39 Quadratmetern in einem sonnenlosen Hof in Charlottenburg. Auch damals schon ein eher bürgerliches Viertel. Arm und Reich dicht beieinander – in Edith reifte schnell ein zusätzlicher Sinn, der nach Gerechtigkeit für alle. Im „Bund Proletarischer Jugend“ war sie mit 16, später in der „Sozialistischen Arbeiterjugend“. 1930 trat sie in die SPD ein; der Vater freute sich.

Vor dem Krieg und mittendrin war sie vor allem Mutter, drei Kinder waren da, ein Grund mehr, die Politik jetzt Politik sein zu lassen. Außerdem war da die Angst: Leute verschwanden, Razzien fanden allenthalben statt, sie selbst war von den Nazis eingesperrt für kurze Zeit.

Nach dem Krieg gab Edith Walz von neuem diesem Antrieb nach: anderen zu helfen, auch der Partei. Der Arbeiterwohlfahrt kam ihr großes Herz zugute, in Reinickendorf, wo sie jetzt lebte, organisierte sie die Hauspflege für Alte, Kranke – ehrenamtlich. Und dann, der Mann war tot, wollte sie die Witwenrente nicht für sich allein. Da ging was an den Humanistischen Verband, an Greenpeace, an den Wildlife Found. Ihren Kindern war das nicht geheuer: „Mutter, du kannst die Welt nicht retten“, sagten sie ihr immer wieder. Ohne Erfolg. Sie hätte eben nie vergessen können, sagt der Sohn, wie arm sie selber einmal war. Und deshalb: Päckchen für die Ostverwandten, Wohnungssuche für Bekannte, für den einen dies, für den anderen das.

Zwei neue Hüftgelenke hatte Edith Walz zum Schluss, gelaufen ist sie damit wie ein Stehaufmännchen, sagt Sohn Helmut. Als die Kraft verschwand, kamen die Krücken und die Hilfsbedürftigkeit. Um wen sie sich nun nicht mehr kümmern konnte wie bisher, der bekam Post von ihr. Selbst gemachte Fotos waren das, verschickt als Karten, manchmal nur eine krumme Blume auf dem Kühlschrank: „Ihre Motive waren hin und wieder sonderbar“, sagt die Familie.

Und sonst? Bescheidenes, aber lebenswertes Alte-Damen-Programm: Im Sommer sitzen auf Balkonien, im Kreise der Geranien oder ihrer Lieben, Tiersendungen, Canasta, Rommé. Und immer schick für jeden Anlass, mit Brosche und gemachten Haaren. Auch der alten Tante SPD hielt sie die Treue. 2003, bei einem Straßenfest der Partei – sie selbst saß schon im Rollstuhl – riss sie dem Momper noch das Mikro aus der Hand und legte los zum Thema Frauen-Gleichberechtigung. Hartz IV, das gefiel ihr alles gar nicht. Ihre Partei war doch die des Kleinen Mannes, und jetzt das?

2004, im Sommer, starb Gretel, ihre Busenfreundin. „Von da an ging’s bergab“, sagt Helmut Walz.

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