Wirtschaft : Editorials: Bush - der Unmensch

Aus dem Wall Street Journal. Artikel übersetz

Jetzt wissen wir endlich, was Al Gore während seiner jüngsten Europa-Reise getrieben hat: Er nahm, wie man so sagt, Kontakt mit seiner "Basis" auf. Wäre Europa bei der US-Präsidentschaftswahl 2000 wahlberechtigt gewesen - der frühere Vizepräsident hätte die Wahl glatt gewonnen.

Dies lässt sich aus einer Umfrage des International Herald Tribune schließen, die in diesem Monat in Großbritannien, Italien, Deutschland und Frankreich durchgeführt wurde. Danach missbilligen 87 Prozent der Deutschen Bushs Ablehnung des Kyoto-Protokolls, 75 Prozent der Franzosen die Pläne zur Raketenabwehr und 73 Prozent der Italiener Bushs Unterstützung der Todesstrafe. Die Ablehnung der Außenpolitik rangiert von 46 Prozent in Italien bis 65 Prozent in Deutschland, während die Frage, ob man großes Vertrauen in den amerikanischen Präsidenten habe, am häufigsten in Großbritannien bejaht wurde: aber selbst hier gaben gerade einmal vier Prozent der Befragten an, sie vertrauten Bush. Die Europäer scheinen außerdem mit überwältigender Mehrheit zu denken, dass Bush bei seinen Entscheidungen "nur amerikanische Interessen im Auge" hat. Immerhin ist das Interesse der Europäer an der amerikanischen Politik begrüßenswert. Unvorstellbar, dass die Amerikaner befragt würden, was sie von Jacques Chiracs moralischer Integrität, Gerhard Schröders "Bündnis für Arbeit" oder Tony Blairs Nordirland-Politik halten.

Das Ergebnis der Umfrage ist indessen nicht ganz so düster, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Erstens scheint es für die Europäer gang und gäbe zu sein, einen neuen US-Präsidenten erst einmal abzulehnen und sich im Laufe der Zeit dann für ihn zu erwärmen. So war es Carter, Reagan und Clinton ergangen. Zweitens hat sich die europäische Politik in den vergangenen Jahren nach rechts bewegt: Italien hat gerade Silvio Berlusconi zum Ministerpräsidenten gewählt, der den Spitznamen "Il Americano" trägt. Das gleiche gilt für Spaniens Jose Maria Aznar und speziell für Tony Blair, der angeboten hat, Bushs "Brücke" zu den europäischen Staats- und Regierungschefs zu sein. Auch das gibt Grund zu Hoffnung. Schließlich glauben Italiener und Deutsche trotz ihrer Ablehnung des US-Präsidenten mit großer Mehrheit, dass USA und Europa in den letzten Jahren stärker zusammengewachsen sind. In England und Frankreich glaubt man immerhin, dass die Beziehungen unverändert sind.

Dennoch sollten die schlechten Zahlen des US-Präsidenten in Europa beide Seiten des Atlantiks zum Nachdenken anregen. Unter den europäischen Staats- und Regierungschefs wurde die Wahl Bushs mit kaum verhüllter Enttäuschung aufgenommen. Es folgte eine nahezu hysterische Verspottung seiner Politik. Das mag den Herren Chirac und Schröder innenpolitisch gedient haben - außenpolitisch war es aber unverantwortlich und hätte für Europa ein ernstes Nachspiel haben können. Aber auch für die Regierung Bush gibt es etwas zu lernen. Henry Kissinger hat treffend bemerkt, es sei das Problem der Regierung Clinton gewesen, dass die Präsentation besser war als die Politik. Mit Bush verhalte es sich umgekehrt. Wenn Bush seine außenpolitischen Beziehungen verbessern will, dann muss er nicht an seiner Politik, sondern an der Überzeugungskraft seiner Ideen arbeiten. Die nationalen Interessen Amerikas - Förderung der Demokratie, Ausdehnung des freien Handels, Öffnung der Märkte und Bekämpfung der Kriminalität - liegen auch im Interesse der Welt. Mit ein bißchen Geschick sollte man diese gut verkaufen können - selbst in Europa.

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