Wirtschaft : Editorials: Bushs Leitprinzip

Als George W. Bush, ein wenig steif und mit glänzenden Augen, in der vergangenen Woche durch das Portal des Kapitols schritt, um seinen Amtseid zu leisten, verbreitete er jedenfalls nicht - wie es sonst fast alle Politiker in Washington von Bill Clinton abwärts tun - die unverkennbare Aura, er verdiene es, amerikanischer Präsident zu sein und sei überhaupt der tollste Kerl im ganzen Raum. Bush wirkte vielmehr demütig angesichts der Größe des Augenblicks. In seiner Rede befasste er sich dann hauptsächlich mit Amerikas Tugenden, den lebendigen Werten der Bürgerverantwortung, die den Grundstein dafür gelegt haben, dass eine solch große und komplexe Gesellschaft glücken konnte.

Besonders bemerkenswert war, dass der neue Präsident an John Page und dessen Empfindungen zu einer Zeit erinnerte, als die Tinte der Unabhängigkeitserklärung gerade trocknete. Die Gründer Amerikas versuchten, eine Regierung zu ersinnen, die die Bürger vor der Fehlbarkeit Einzelner schützen sollte. Bush scheint zu verstehen, dass er in Fortführung dieser Tradition Teil eines Regierungssystems ist. Seine Antrittsrede und die Regierung, die er bislang gebildet hat - ein Kabinett aus kompetenten Männern und Frauen - spiegeln eine längst überfällige Streuung der Macht wider, weg von der Konzentration auf eine einzige charismatische Persönlichkeit.

Die Nachkriegs-Philosophie der Demokratischen Partei basiert auf dem Gedanken, dass die Regierung, sobald ein Problem erkannt wurde, Lösungen erdenken, ausarbeiten und durchführen muss. Bush kritisiert an diesem Modell, dass die Bürger bei dem Spiel der Politiker zu bloßen Zuschauern degradiert werden. Die Regierung, sagte er, "hat eine große Verantwortung für die öffentliche Sicherheit, das öffentliche Gesundheitswesen, die Bürgerrechte und die öffentlichen Schulen. Das Mitgefühl jedoch ist die Aufgabe der ganzen Nation, nicht nur einer Regierung. Und einige Bedürfnisse und Verletzungen gehen so tief, dass sie nur auf die Berührung eines Mentors oder das Gebet eines Pfarrers reagieren."

Der moderne Sozialismus hat immer wieder betont, dass die Konservativen sich "nicht kümmern" würden und dass ihre Praxis des Laissez-faire die Republikaner davon abhalte, Lösungen für die Probleme derer zu finden, die Bush "unsere gebrochenen und fehlbaren Leute" nennt. Das hat zwar noch nie der Wahrheit entsprochen, aber die Republikaner haben sich immer schwer damit getan, eine Regierungsphilosophie zu formulieren. Mit George W. Bush scheint sich das zu ändern.

"Wir Amerikaner sind großzügig und stark und anständig", sagte er, "nicht weil wir an uns glauben, sondern weil wir an etwas glauben, das über uns hinausgeht. Wenn dieser Geist der Staatsbürgerverantwortung fehlt, dann kann kein Regierungsprogramm ihn ersetzen." Bush rief in seiner Antrittsrede die Amerikaner wiederholt zu mehr Engagement, vor allem für die Schwächeren und weniger Begüterten, auf. Das erinnert an die berühmte Idee Edmund Burkes von den "kleinen Einheiten" innerhalb der Gesellschaft, die noch immer eine der attraktivsten Ideen einer konservativen Regierung ist. Bush hat sie sich zum Ziel seiner Regierung gesetzt.

Der Präsident hat in seiner Antrittsrede auch seine politische Tagesordnung formuliert: Reform des Schulwesens, der medizinischen Versorgung, Soziale Sicherheit, Steuersenkungen und natürlich die Stärkung der Streitkräfte. Das sind die Ziele, für die er selbst verantwortlich gemacht werden wird. Dennoch ist es sein Aufruf zu mehr Bürgerverantwortung, der nachklingt. Wenn es, wie John Page glaubte, wahr ist, dass ein Engel im amerikanischen Wirbelwind reitet, dann erscheinen die vier Tugenden Bushs - Höflichkeit, Courage, Mitgefühl und Charakter - als gute Leitprinzipien, um das amerikanische Schiff durch die nächsten vier Jahre zu steuern.

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