Wirtschaft : Editorials: Die Belgier sind frustriert

Wenn man von Brüssel zur Nordsee fährt, wird man den Verkehr oft entmutigend finden. Lastwagen, die Güter zu den Häfen von Flandern transportieren, verstopfen die Autobahnen. Ein Zeichen des wirtschaftlichen Erfolg Flanderns. Hier liegt die Arbeitslosenquote bei sechs Prozent und damit weit unter dem europäischen Durchschnitt von elf Prozent. Der Kontrast zur südlichen Hälfte des Landes, Wallonien, ist krass. Dort liegt die Wirtschaft in vielen Städten am Boden. 18 Prozent sind arbeitslos. Wie also kommt es, dass ausgerechnet der Norden Belgiens kürzlich in den Brüsseler Tageszeitungen als "krank" und "tot" bezeichnet wurde?

Keine Frage, die Adjektive spiegeln das Empfinden der Belgier wieder, die besorgt sind, angesichts der Ergebnisse der jüngsten Gemeinde- und Kommunalwahlen, bei denen eine fremdenfeindliche Partei einen großen Sieg davongetragen hat. Der Vlaams Blok erhielt ein Drittel der Stimmen in Antwerpen, der zweitgrößten Stadt des Landes. 1994 waren es noch 28 Prozent. In Gent erzielte er 20 Prozent der Stimmen. Der Vlaams Blok ist eine separatistische Partei. Er hat die Abspaltung Flanders von Wallonien zum Ziel. Die Partei propagiert außerdem nicht nur eine restriktive Einwanderungspolitik. Sie will auch viele Menschen dorthin zurück schicken, wo sie hergekommen sind, selbst wenn sie inzwischen belgische Staatsbürger geworden sind. Österreichs Jörg Haider, dessen fremdenfeindliche Sprüche ihn zum Paria unter den EU-Politikern gemacht haben, ist dem Parteivorsitzenden des Vlaams Blok, Filip Dewinter, zufolge noch viel zu moderat.

Sind ein Drittel aller Einwohner Antwerpens - oder ein Fünftel aller Einwohner Gents - nun hasserfüllte Menschen? Ganz sicher nicht. Flandern war schließlich die Lokomotive, die die Wirtschaft des mittelalterlichen Europas antrieb. Und Gent war im 14. Jahrhundert die größte und wirtschaftlich bedeutendste Stadt Europas. Die Menschen in Flandern sind nicht übermäßig fremdenfeindlich. Aber viele haben die enorme Steuerlast satt und suchen nach einem Ventil, um ihrem Ärger Luft zu machen.

Damit sind sie nicht allein. In ganz Europa gab es in diesem Herbst Steuerrevolten. Die Menschen haben genug von Regierungen, die zu viel nehmen und zu wenig geben. Die Probleme haben mit den exzessiven Kosten des Wohlfahrtsstaates zu tun, der nur durch eine Umverteilung des Einkommens und des Vermögens funktionieren kann. Die Flamen haben zunehmend das Gefühl, dass sie die Wallonen nicht unterstützen müssen, weil diese etwa Not leiden, sondern weil die Politiker ihre potenziellen Wähler im Süden zufrieden stellen wollen. Die Befürworter einer flämischen Unabhängigkeit machen geltend, dass die Geldtransfers von Flandern nach Wallonien jährlich zwei beziehungsweise fünf Milliarden Euro ausmachen - je nachdem, welchen Maßstab man anlegt. Einige Anhänger der Unabhängigkeit Flanderns behaupten außerdem, dass viele Arbeitsstellen in Flandern unbesetzt bleiben, weil die Wallonen lieber Arbeitslosengeld kassieren als in den Norden umziehen.

Ob das nun wahr ist oder nicht - diese Haltung kann den Triumph des Vlaams Blok zum Teil erklären. Belgiens Premier Guy Verhofstadt hat sein Bestes gegeben, um die Steuerlast zurückzuschrauben, seit er im letzten Jahr gewählt wurde und er weiß, dass er mehr tun muß, wenn er sein Land zusammenhalten will. Wenn er es schafft, dass die Belgier die Früchte ihrer eigenen Arbeit ernten können, dann wird vermutlich ein großer Teil der Unzufriedenheit, die separatistische und fremdenfeindliche Bewegungen geschürt hat, hinweg schmelzen.

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