Wirtschaft : Editorials: Die Iren zeigen Stärke

Das "Wall Street Journal" hat gemeinsam mit der Washingtoner Heritage Foundation eine Rangliste veröffentlicht, in der die Volkswirtschaften nach ihrer Freizügigkeit bewertet werden. Danach hat Irland in diesem Jahr die freieste Wirtschaft in Europa und rangiert weltweit nach den asiatischen Tigern Hongkong und Singapur auf Platz drei. Diese Ranglisten sind nicht nur für Investoren und Analysten nützlich, sie schaffen auch objektive Kriterien für den schwer greifbaren Zusammenhang zwischen politischer Freiheit und wirtschaftlichem Erfolg einerseits und der Schaffung eines investitionsfreundlichen Klimas andererseits.

Es gibt auf der Welt immer noch genug Staaten - man denke nur an China - die glauben, man könne ein Wirtschaftswachstum erzielen und gleichzeitig die politische Macht in den Händen einiger Weniger halten. Es sollte offensichtlich sein, dass es unmöglich ist, den Menschen ökonomische Entscheidungsfreiheit zuzubilligen, ihnen aber gleichzeitig ein politisches Mitspracherecht zu verweigern. Schädlicher ist jedoch der umgekehrte Fall: Staaten, die glauben, ihre Bürger könnten ihre politische Freiheit behalten, nachdem ihre wirtschaftlichen Rechte beschnitten wurden. Das ist leider der Weg, den viele Nachbarn Irlands gehen. Hohe Steuern und übermäßige Regulierung sind der Grund dafür, dass Länder wie Frankreich, Belgien und Deutschland nur die Bewertung "weitgehend frei" erhalten.

Ein Grund mehr, Irland zu feiern. Es hat die Steuern gesenkt, insbesondere auch den Spitzensatz bei der Körperschaftssteuer, der für Teile des Dienstleistungsgewerbes jetzt bei zehn Prozent liegt. Es hat außerdem Deregulierungen vorgenommen. Das hat dazu geführt, dass Irland jetzt das höchste Wachstum in Europa hat. Nach 8,6 Prozent 1999 werden in diesem Jahr sogar knapp zehn Prozent erwartet. Die Arbeitslosenquote liegt auf einem Rekordtief von 3,8 Prozent. Das Land, das die Welt mit seinen Emigranten bevölkert hat, erfreut sich jetzt einer Immigration im Technologie-Bereich.

Allerdings hat fast alle beunruhigt, dass die Iren mit 6,2 Prozent auch die höchste Inflationsrate im Euroraum haben. Besorgniserregend ist aber alleine die Reaktion der irischen Regierung auf diese Nachricht. Sie hat alle guten Ratschläge in den Wind geschlagen und in vielen Bereichen Preiskontrollen eingeführt. In dem Ranglisten-Index wird Dublin zu Recht für diesen Unsinn gerügt. Seltsamerweise sind es aber nicht die Preiskontrollen, die bei den Experten für Unruhe sorgen. Die Tatsache, dass die irische Geldpolitik jetzt von der Europäischen Zentralbank dirigiert wird, hat die Sorge geweckt, dass ein einheitliches Wachstum des Geldvolumens - das für die Konjunktur in Nachzügler-Staaten wie Deutschland und Italien sicher positiv ist - sich als zu rapide für das galoppierende Irland erweisen könnte. Dieses Einheitsrezept wird sich als Flop herausstellen, so die Einschätzung.

Alle elf Mitglieder der Eurozone haben bei dem Index in puncto Währung die höchste Bewertung erhalten, und zwar gerade weil sie sich von dem Sirenengesang der frei schwankenden Wechselkurse abgewandt haben. Irlands Inflation ist vielleicht eher eine Auswirkung der "real economy". Mit anderen Worten: Irland, das lange das Armenhaus Europas war, wird reich. Ist das etwa ein Misserfolg? Nun, dann könnte Irland noch mehr solcher Misserfolge gebrauchen. In den sieben Jahren, in denen der Index nun existiert, hat es viel erreicht. 1996 belegte es noch Platz 21 der Weltrangliste; im letzten Jahr bereits Rang 7. Der keltische Tiger hat nicht alles richtig gemacht, aber er ist auf dem besten Weg dahin.

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