Wirtschaft : Editorials: Ein Bravo für Brüssel

Unsere Reaktion auf Mario Montis Zustimmung zur Fusion von AOL und Time Warner lässt sich mit einem Wort beschreiben: Bravo! Nicht jedoch, weil wir es für ein tolles Geschäft halten. Vielleicht können wir den Grund für unseren Enthusiasmus besser verständlich machen, wenn wir darstellen, wie EU-Wettbewerbskommissar Monti die Fusion auch hätte kippen können, sie aber dennoch abgesegnet hat.

Einer der zentralen Streitpunkte war die Formatierung von Musik im Internet. AOL hatte das Zugeständnis gemacht, seine Musikprodukte innerhalb der kommenden fünf Jahre mit mindestens drei in Konkurrenz stehenden Musikprogrammen kompatibel zu gestalten. An einem vielfältigen Angebot gibt es nichts auszusetzen, und vermutlich würde die freie Wahl für den Kunden den Online-Vertrieb verbessern. Aber das ist eben der Punkt. Die Konkurrenz hatte sich bei der EU-Kommission beschwert, dass im Falle einer Fusion die Time Warner Musik so formatiert werden könne, dass sie sich nur mit der AOL-Player-Software Winamp abspielen ließe, AOL die Musik der Konkurrenz dagegen nicht in diesem Format anbieten würde. Auf diese Weise könne AOL die beherrschende Stellung einnehmen. Die EU-Kommission zweifelte jedoch in dieser Hinsicht an der Marktmacht von AOL/Time Warner und hat der Konkurrenz den Wind aus den Segeln genommen. Den Markt für Mitbewerber durch willkürliche Auflagen künstlich zu öffnen, würden lediglich den Wettbewerb unterdrücken und damit den Kunden schaden. Die EU überläßt solche Überlegungen nun AOL, das sich höchstwahrscheinlich für die kundenfreundlichste Variante entscheiden wird.

Ein weiterer Streitpunkt war die berühmte Instant Messenger Software von AOL. Die Kommission wurde arg bedrängt, es zur Bedingung für die Fusion zu machen, die Software offen zugänglichen zu machen, und wieder weigerte sich die Kommission. Diese Entscheidung wurde - mit unanfechtbarer Logik - folgendermaßen begründet: Wenn ein Unternehmen das Komplettpaket Time Warner kauft, verschaffe das AOL noch lange keine weiteren Nutzer der IM-Software. Deshalb trage die Fusion auch nicht zur Stärkung oder zum Missbrauch der Stellung von AOL auf dem Markt des Instant Messaging bei. Folglich könnten in dieser Hinsicht keine Forderungen gestellt werden.

Einen Punkt hatten die Wettbewerbshüter jedoch zur Auflage der Fusion gemacht, nämlich dass Time Warner seine Geschäftsverbindungen im Musikgeschäft auf europäischem Boden kappen müsse. Insbesondere galt das dem britischen Musikkonzern EMI. Alles in allem scheint das ein fairer Preis zu sein. Natürlich ist AOL noch nicht über den Berg. Die Genehmigung der Fusion durch die amerikanischen Wettbewerbsbehörden steht noch aus, und wir befürchten, dass AOL dort nicht so leichtes Spiel haben wird. Denn in den USA stehen einige Streitpunkte zur Diskussion, die nicht relevant für die Entscheidung in Europa waren. Und zudem ist das Marktpotenzial von AOL als Internet-Provider in Europa lange nicht so stark wie in den USA.

Nichtsdestotrotz möchten wir gern glauben, dass die Zurückhaltung der Wettbewerbskommission ein Zugeständnis dafür war, dass die Fusion von AOL und Time Warner einen neuartigen Konzern hervorbringen wird. Erst der Versuch wird uns Gewissheit geben, ob die Zustimmung die richtige Entscheidung war. Wenn wir richtig liegen, können sich die US-Wettbewerbsbehörden aber vom Verhalten des europäischen Wettbewerbskommissars diesmal wirklich etwas lernen.

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