Wirtschaft : Editorials: Fehler im System

Eigentlich ist es nicht zum Lachen. In den vergangenen Wochen ist Amerikas Golden State scheinbar zu einer desolaten Bananenrepublik verkommen. Trotz der Deregulierung vor vier Jahren steckt der kalifornische Stromsektor tiefer in der Krise denn je. Die beiden größten Energieversorger sind hoch verschuldet und stehen vor dem Bankrott. Große Unternehmen können nur mit Notstrom produzieren und müssen ihre Arbeiter entlassen. Leute bleiben in Aufzügen stecken, und auf den Kreuzungen kommt es zu Massenkarambolagen, wenn die Ampeln durch den Stromausfall versagen.

Am erbärmlichsten sind die Politiker, allen voran Kaliforniens Gouverneur Gray Davis. Ihm fehlt es an nötigem Scharfsinn, seit die Krise letzten Sommer begann. Nicht genug, dass er die Stromlieferanten jenseits der Staatsgrenzen als "Piraten" und "Plünderer" beschimpfte: Er will die Kontrolle über die in Kalifornien erzeugte Energie mit allen Mitteln zurückgewinnen. Doch ehe die kalifornischen Stromausfälle das Konzept der Deregulierung in Verruf bringen, sollte geprüft werden, inwiefern in diesem Fall überhaupt von einer Deregulierung gesprochen werden kann.

Problem Nummer eins: die Nachfrage. Vor vier Jahren stimmten die demokratische gesetzgebende Gewalt, ein republikanischer Gouverneur, die naiven Stromversorger und die sonst so streitsüchtigen Verbrauchergruppen einem Regelwerk zu, das die Liberalisierung der Großhandelspreise vorsah, das aber auch festlegte, dass ein Anstieg der Bezugspreise nicht an die Kunden weitergegeben werden dürfe. Doch der Kunde bestimmt die Nachfrage. Wenn aber die Preise für den Endverbraucher festgelegt sind, fehlt das Instrument, durch das der Markt auf Preisveränderungen reagieren kann. Kurzum: Dieses Modell als Deregulierung zu bezeichnen, ist schlicht Unsinn.

Problem Nummer zwei: das Angebot. Strom-Angebot und -Nachfrage haben sich in Kalifornien weit auseinander entwickelt. Während Kaliforniens Wirtschaft in den vergangenen Jahren sensationell boomte, erlahmte die Stromerzeugung. Man vertraute auf die Nachbarstaaten, die das Defizit ausgleichen sollten. Nicht mehr. In Staaten wie Oregon und Washington sind die Ressourcen nach drei ungewöhnlich trockenen Jahren knapp, und deren eigener Bedarf ebenfalls gestiegen. Es ist unmöglich, ad hoc neue Kapazitäten für den zusätzlichen Strombedarf der Kalifornier zu schaffen, zumal der Bau eines Kraftwerks, erschwert durch die strengen Auflagen, sechs bis sieben Jahre dauern würde. Aber die Nachbarn nun als Piraten zu beschimpfen, verbessert die Lage keineswegs.

Problem Nummer drei: die Schuldzuweisung. Solange man in Kalifornien nicht die Ursache für das Problem erkennt, wird man es nicht lösen können. Auch wenn einige kalifornische Politiker anders denken, es ist nicht Amerikas Problem. Es ist ganz allein ihres. In Kürze fällt die Entscheidung des neuen Ministers für Energieversorgung, ob jener Erlass der Clinton-Regierung erneuert wird, der Energielieferanten verpflichtet, die zahlungsunfähigen Stromversorger zu beliefern. In jedem Fall sollte er die Kalifornier dazu bringen, gegen das Energieproblem ernsthafte Schritte zu unternehmen. Doch sollte es für die Heimat von Beverly Hills nicht zu schwer sein, Wege aus der Misere zu finden.

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