Egon Bahr beim Ostausschuss : 60 Jahre in 45 Minuten

Sechs Jahrzehnte Geschichte reichen für ein Buch. Der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft lädt Egon Bahr zur Präsentation - das Druckwerk gerät dabei ein bisschen ins Hintertreffen.

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Freude über den Ehrengast. Eckhard Cordes (l.) empfängt Egon Bahr.
Freude über den Ehrengast. Eckhard Cordes (l.) empfängt Egon Bahr.Foto: dpa

Wenn man sicher gehen will, dass ein politisch-historisches Buch ausreichend Aufmerksamkeit findet, lädt man Egon Bahr zur Präsentation aufs Podium. Wenn man Egon Bahr einlädt, muss man aber eigentlich gar kein Buch mehr schreiben. Als sich der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft 1952 gründete, war der Sozialdemokrat Bahr 30 Jahre alt und arbeitete als Journalist beim amerikanisch kontrollierten Sender Rias. An diesem Donnerstag in Berlin-Mitte lässt er die vergangenen sechs Jahrzehnte in einer Dreiviertelstunde Revue passieren. „Wie der mit 90 Jahren Dinge abrufen kann, ist unglaublich.“ Eckhard Cordes, Vorsitzender des Ostausschusses, ist beeindruckt. Er müsse das mal loswerden, weil er sich sonst nicht mehr auf den eigentlichen Anlass konzentrieren könne. Der eigentliche Anlass – das sind 60 Jahre „Wandel durch Handel“, wie es Cordes nennt, also die Annäherung der deutschen Wirtschaft an die osteuropäischen Volkswirtschaften und Russland.

Getragen von Industrie, Handwerk, Einzelhandel, Banken und Versicherungen knüpfte der Ausschuss nach dem Krieg erste Kontakte in die Länder des Ostens. In einer Zeit, als die junge Bundesrepublik noch keine diplomatischen Beziehungen in die Staaten des Warschauer Pakts pflegte, sei es der Ostausschuss gewesen, der mit Rückendeckung des damaligen Wirtschaftsministers Ludwig Erhard Handelsabkommen unter anderem mit der Sowjetunion geschlossen habe, sagt Cordes, der die Vorstandsetagen der deutschen Wirtschaft aus seiner Karriere selbst bestens kennt, zuletzt als Chef des Handelskonzerns Metro.

Mehr als 20 Jahre nach der Wende habe sich schon viel verändert. Mit 17 Prozent Anteil an den deutschen Exporten ist Osteuropa inzwischen wichtigster Markt nach Westeuropa. Die Vision aus den 50ern von einer visafreien Welthandelszone sei noch immer lebendig, sagt Cordes. „Dass wir die wirtschaftliche Teilung Europas überwinden würden – diese Einsicht hatte ich 1952 noch nicht“, kommentiert Bahr, Vater der Ostpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt, das Eigenlob der Wirtschaft süffisant. „Diplomaten der Wirtschaft“ heißt das Buch des Historikers Sven Jüngerkes. Der Ostausschuss sei Vorbild für die Politik gewesen, sagt Bahr. „Wandel durch Annäherung“ gelte auch noch heute – zum Beispiel im Fall Chinas. Simon Frost

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