Wirtschaft : Ehemaliger BMW-Chef kommt in den VW-Vorstand und wird Seat-Geschäftsführer

Alfons Frese

Der Coup ist gelungen: VW-Chef Ferdinand Piëch holt seinen früheren Kontrahenten Bernd Pischetsrieder in den Vorstand und trifft damit auch eine Vorentscheidung über die eigene Nachfolge. Wenn Piëch im Jahr 2002 abtritt, dürfte der ehemalige BMW-Chef Pischetsrieder das Steuer von Europas größtem Autohersteller übernehmen. Zum 1. Juli 2000 bis zum 30. Juni 2005 wird Pischetsrieder zum Vorstandsmitglied der VW AG bestellt. Er übernimmt den neu geschaffenen Geschäftsbereich "Konzern-Qualitätssicherung" und wird gleichzeitig Chef der spanischen VW-Tochter Seat. BMW teilte am Mittwoch mit, das Unternehmen stelle Pischetsrieder zum 1. Juli 2000 aus seinem Vertrag mit BMW frei. "Die Auflösung des Dienstvertrages und der Wechsel zu VW erfolgen in vollem Einvernehmen", heißt es in der Mitteilung. Pischetsrieder war von Mai 1993 bis Februar dieses Jahres Vorstandschef der BMW AG. "Er wurde am 5. Februar 1999 auf eigenen Wunsch unter Aufrecherhaltung seines Dienstvertrages von seinen Aufgaben entbunden", schreibt BMW. Pischetsrieder musste wegen Milliardenverlusten bei der britischen Tochter Rover gehen.

Piëch und Pischetsrieder pokerten 1998 um den Limousinenhersteller Rolls-Royce: Nachdem zu Beginn des Spiels alles nach einem Sieg von BMW aussah, legte Piëch nach und gewann mit einem deutlich höherem Angebot. Einige Wochen später schlossen VW und BMW einen Vertrag, wonach BMW ausschließlich die Marke Rolls-Royce übernahm, während VW Eigentümer der Produktionsstätten von Rolls-Royce/Bentley sowie der Marke Bentley wurde. Außerdem darf VW noch bis zum Jahr 2003 die Marke Rolls-Royce nutzen. Wie es in der Branche heißt, haben sich die Kombattanten Piëch und Pischetsrieder während der Rolls-Royce-Schlacht schätzen gelernt. Mit der Bestellung Pischetsrieders in den Vorstand dürften auch Spekulationen neue Nahrung bekommen, wonach sich VW um eine Kooperation oder sogar Fusion mit BMW bemüht.

In diese Richtung gehen auch aktuelle Äußerungen Piëchs gegenüber dem "Stern". Danach hat der Volkswagen-Chef derzeit drei europäische Autohersteller für eine Kooperation oder Übernahme im Visier. "Wir sehen grundsätzlich drei Möglichkeiten in Europa. Kooperationen, Fusionen - es sind verschiedene Dinge denkbar." Namen potenzieller Partner nannte Piëch nicht. Möglich sei auch ein Zusammenschluss "auf freiwilliger Basis, etwa über eine kontinuierlich steigende gegenseitige Beteiligung", sagte Piëch. Neben BMW und/oder Rover ist auch Porsche ein denkbarer Partner; mit dem Sportwagenhersteller entwickelt VW derzeit gemeinsam einen Geländewagen. Weitere Kandidaten sind die französischen Pkw-Hersteller Renault und PSA Peugeot Citroen.

Pischetsrieder, 1948 in München geboren, ist Diplom-Ingenieur; 1973 begann er bei BMW. Als einziger deutscher Hersteller blieb der Münchener Konzern in der Autokrise 1993/94 in den schwarzen Zahlen. Anfang 1994 übernahm BMW 80 Prozent an Rover; mit Fertigungsstätten unter anderem in Vietnam und auf den Philippinen entwickelte sich BMW zu einem globalen Autounternehmen. Der 51jährige Pischetsrieder ist ein ähnlicher "Autonarr" wie Ferdinand Piëch (62). Bislang war gerne gemunkelt worden, dass Porsche-Chef Wendelin Wiedeking auf Piëch folgen könnte. Nun spricht alles für Pischetsrieder als VW-Chef nach dem Jahr 2002.

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