Wirtschaft : Ehrgeiz, Bescheidenheit und Loyalität

Ein Jahr nach dem Rücktritt von Ron Sommer verpasst der neue Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke dem Unternehmen ein neues Leitbild

Corinna Visser

Berlin. Die Zeit der großen Deals ist vorbei. Das war eine seiner ersten Standortbestimmungen, als Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke vor acht Monaten sein Amt antrat. Statt spektakulärer Übernahmen steht seither Sparen ganz oben auf der Agenda. „Unsere Zukunft heißt Entschuldung und Wachstum“, lautete Rickes Zielvorgabe. Und beim Schuldenabbau zeigen sich die ersten Erfolge. Doch der große Strategiewechsel ist ausgeblieben. Vor einem Jahr ist Rickes umstrittener Vorgänger Ron Sommer zurückgetreten und die Telekom steht immer noch auf ihren vier Säulen: Festnetz, Mobilfunk, Internet und Kommunikationslösungen für Großkunden. Trotzdem: „Bei der Telekom weht jetzt ein ganz neuer Wind“, sagt ein Fondsmanager. „Ricke bemüht sich um mehr Offenheit und Transparenz. Er kommuniziert klar seine Ziele und lässt sich daran messen.“

Vor einem Jahr steckte der Konzern noch mitten drin in der Identitätskrise: Es war das große Sommer-Theater 2002. Die Union hatte Telekom-Chef Sommer als Wahlkampfthema entdeckt. Sie machte sich die Wut der Aktionäre zu eigen: Während sie beim Absturz der T-Aktie viele Milliarden Euro verloren, genehmigte sich der Vorstand eine üppige Gehaltserhöhung. Je länger die Diskussion dauerte, desto klarer wurde, dass Sommer den Rückhalt in der Regierung verlor – der Bund ist immer noch größter Aktionär der Telekom. Am 16. Juli trat Sommer zurück: „um weiteren Schaden vom Unternehmen abzuwenden“.

Das war noch nicht der letzte Akt, denn die Suche nach einem Nachfolger dauert peinlich lang. „Die Mitarbeiter waren völlig verunsichert, keiner wusste wie es weiter gehen soll,“ sagt ein Mitarbeiter. „Viele hatten Angst um ihren Job.“ Erst nach der Bundestagswahl präsentiert der Aufsichtsrat als neuen Chef einen alten Bekannten: Kai-Uwe Ricke. Der verantwortete bis dato das Mobilfunkgeschäft des Konzerns – Sommer hatte ihn persönlich 1998 zur Telekom geholt. Viele halten ihn für eine Verlegenheitslösung, doch es gibt keinen, der ihm den Job nicht zutraut.

Mit den Worten „Ich bin ich“ tritt Ricke vor die Öffentlichkeit. Später einmal sagt er noch: „Ich bin hier nicht angetreten, um den Job von Ron Sommer zu machen.“ Vor allem macht er deutlich, dass er den Job nicht wie Sommer machen wird.

Ricke pflegt einen anderen Ton. Seit er da ist, duzt man sich im Vorstand. Ein Zeichen für den kooperativen Führungsstil, der ihm immer wieder bescheinigt wird. Manchmal, so sagt ein Investor, komme Ricke allerdings etwas zu salopp, zu kumpelhaft daher. Trotzdem werde jedem Gesprächspartner klar: Ricke entscheidet – aber er hört sich vorher an, was andere zu sagen haben. Auf der Hauptversammlung im Mai wirbt er um das Vertrauen der Anteilseigner. Er verrät ihnen auch, was er verdient. Früher war das ein Tabu. Glaubwürdigkeit und Offenheit sei ihm wichtig, sagt Ricke den Aktionären. Die sind bereit, ihm eine Chance zu geben.

Ende Juni präsentiert Ricke 350 Spitzenmanagern der Telekom das neue Konzernleitbild: Die Telekom soll das führende Dienstleistungsunternehmen der Branche werden. Durchsetzungskraft, persönliche Bescheidenheit, großen Ehrgeiz und Loyalität – den T-Spirit – erwartet der Chef von seinen Leuten. Ricke hat die Zentrale entmachtet und die einzelnen Säulen gestärkt. Jedem Konzernteil gibt er eine Vision, ein Ziel vor. Daran werden sich die Mitarbeiter messen lassen müssen, daran wird er sich auch selbst messen lassen müssen. „Es ist ihm ernst damit, dass er die Kultur verändern will“, sagt ein Mitarbeiter.

Bereits auf der Hauptversammlung hatte Ricke konkrete Erfolge vorweisen können. Im Gesamtjahr 2003 soll unterm Strich wieder eine schwarze Zahl stehen – nach dem Rekordverlust von fast 25 Milliarden Euro in 2002. Auch der Schuldenstand ist bereits deutlich geschrumpft. Ende 2003 soll er bei rund 50 Milliarden Euro liegen.

„Die Stimmung im Unternehmen ist viel optimistischer geworden“, sagt ein Mitarbeiter. Klar ist immer noch, 50000 Arbeitsplätze werden in den kommenden Jahren abgebaut. „Trotzdem haben wir jetzt das Gefühl, wir kommen wieder voran.“

Von Ron Sommer spricht kaum noch jemand im Konzern. Auch sonst ist es ruhig um „Mister Telekom“. Kaum einer seiner ehemaligen Wegbegleiter kann sich vorstellen, dass er sich mit 54 zur Ruhe setzt. Aber im Moment sieht es danach aus.

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