Eier-Skandal : „Wir müssen raus aus der Nische“

Bio-Lobbyist Felix Prinz zu Löwenstein fordert die Öko-Wende und plädiert für verstärkte Kontrollen in der Branche.

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Felix Prinz zu Löwenstein: Die Menschen wollen wissen, woher ihr Essen kommt und wie es produziert wurde.
Felix Prinz zu Löwenstein: Die Menschen wollen wissen, woher ihr Essen kommt und wie es produziert wurde.Foto: BÖLW

Herr Löwenstein, in Niedersachsen hat es einen groß angelegten Schwindel mit Bio-Eiern gegeben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 200 Betriebe, weil konventionelle Eier zu Bio-Eiern umetikettiert worden sind.

Das stimmt nicht. Erstens geht es nicht um das Umdeklarieren von Eiern, sondern darum, dass die Unternehmen mehr Tiere gehalten haben als erlaubt – und zwar quer durch alle Haltungsformen. Und zweitens ist das kein reiner Bio-Skandal. Es sind überwiegend konventionelle Betriebe betroffen, nur 40 kommen aus der Bio-Branche, zumindest so weit wir wissen. Die Staatsanwaltschaft sagt ja nicht, gegen wen sie ermittelt.

Zu Recht?

Ja, entgegen dem, was derzeit politisch gefordert wird, finde ich, dass die Namen nicht genannt werden sollten, solange die Ermittlungen laufen. In Deutschland gilt die Unschuldsvermutung, und das ist auch richtig so. Aber noch mal: Das, was in Niedersachsen passiert ist, ist ein Legehennen- und kein spezieller Bio-Skandal.

Warum wird das anders wahrgenommen?

Wenn es um die ökologische Landwirtschaft geht, ist die Fallhöhe größer.

Profitiert die Bio-Branche von den neuen Lebensmittel-Skandalen? Kaufen die Menschen aus Angst vor giftigem Futtermais und verstecktem Pferdefleisch mehr Bio?

Ich habe keine Zahlen, aber ich vermute das. Die Menschen wollen wissen, woher ihr Essen kommt und wie es produziert worden ist.

Aber wenn man Bio-Waren beim Discounter kauft, weiß man doch auch nicht, wo’s herkommt.

Nein, meistens nicht. Aber wenn Bio draufsteht, dann weiß man, wie’s produziert wurde. Denn dafür gibt es gesetzliche Regeln.

Schadet die Industrialisierung der Bio-Branche?

Ja, und hier müssen wir dringend gegensteuern. Aber wir dürfen auch keine Angst haben, aus der Nische zu kommen und unsere Waren in allen Verkaufsschienen zu finden. Denn wir müssen es schaffen, unsere gesamte Nahrung auf eine Weise zu produzieren, die ökologisch und sozial vertretbar ist und die das Tierwohl im Auge behält. Wir können uns nicht auf Dauer mit einem Marktanteil von fünf Prozent abfinden.

Träumen Sie?

Nein, ich nenne Ihnen jetzt mal drei Zahlen: In den letzten 30 Jahren sind 40 Prozent aller Vögel, die auf dem Feld leben, verschwunden. Über 60 Prozent aller niedersächsischen Trinkwasserbrunnen sind über die erlaubte Grenze hinaus mit Nitrat belastet. Die Landwirtschaft trägt 36 Prozent zur globalen Emission von Treibhausgasen bei. Das zeigt doch, dass unsere bisherige Landwirtschaftsindustrie keine Zukunft hat.

Aber im Moment reicht die deutsche Öko-Produktion doch noch nicht einmal, um die Nachfrage hierzulande zu befriedigen. Und neue Flächen bekommen Sie kaum.

In den letzten zehn Jahren hat sich die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln in Deutschland verdreifacht, die Produktion hat sich verdoppelt. Wir wachsen, aber wir wachsen nicht genug. Deshalb importieren wir Bio-Waren.

Ist ein Bio-Apfel aus China wirklich bio?

Je weiter entfernt die Erzeugung stattfindet, desto schwieriger sind die Qualitätskontrollen. Es gibt mit Sicherheit in China seriöse Bio-Produzenten, und es gibt auch Bio-Schwindler. Man muss seine Partner kennen.

Wie viel teurer kann man Bio-Waren verkaufen im Vergleich zu konventionellen Lebensmitteln?

Um 40 bis 60 Prozent, je nach Produktgruppe, Fleisch kann auch bis zum Dreifachen kosten.

Das lädt zu Täuschungen ein. Wie gut sind die Kontrollen im Öko-Landbau?

Sie sind viel engmaschiger als im konventionellen Bereich. Die Geflügelhaltungsbetriebe werden im Öko-Bereich vier Mal im Jahr kontrolliert, in der konventionellen Haltung werden die Firmen alle vier Jahre überprüft.

Aber dennoch haben auch die Öko-Kontrolleure in Niedersachsen Missstände übersehen.

Deswegen müssen unsere Kontrollen auch verbessert werden. Es ist allerdings schwer, in einem Öko- oder einem Freilandbetrieb eine Überbelegung der Ställe festzustellen. Die Hühner laufen drinnen und draußen herum, wie wollen Sie die zählen? Man kann sich aber ans Band stellen und notieren, wie viele Eier am Tag gelegt worden sind. Das muss ja irgendwie mit der Zahl der Hennen übereinstimmen. Und man kann den Futterverbrauch und den Eierverkauf abgleichen.

Wie groß dürfen Öko-Legebetriebe sein?

Pro Herde dürfen 3000 Tiere gehalten werden, ein Betrieb darf aber mehrere, voneinander getrennte Herden unter einem Dach halten. Wir wollen erreichen, dass die EU-Verordnung künftig die Anzahl der Herden pro Stall begrenzt.

Muss man damit rechnen, dass demnächst auch in der Öko-Tiefkühllasagne Pferdefleisch auftaucht?

Wo Menschen betrügen können, kann Betrug geschehen. Der Grund, warum so viele Pferde geschlachtet worden sind, liegt ja daran, dass in Osteuropa die Landwirtschaft umgestellt wird und die Bauern ihre Zugpferde nicht mehr brauchen. Wenn jemand betrügen will, könnte er billiges Pferdefleisch nehmen und daraus teures Bio-Fleisch machen. Bisher ist das aber zum Glück nicht vorgekommen.

Das Interview führte Heike Jahberg

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