Wirtschaft : Eier statt Schweinsfüße

Steigende Preise in China verschärfen soziale Probleme und erhöhen die Inflation in westlichen Ländern

Benedikt Voigt

Peking - Dies ist ein besonderer Tag für Frau Wang. Die Rentnerin erhält Besuch von ihrem Sohn, aus diesem Anlass steht sie nun im „Kang-Fu-Li-Markt für Landprodukte“ im Pekinger Osten vor einer der Fleischtheken und bestellt Schweinsfüße. Diese chinesische Delikatesse wollte sie sich in den vergangenen Wochen nicht oft leisten. „Lebensmittel sind sehr teuer geworden“, sagt Frau Wang, „die Preise für Fleisch und Speiseöl haben sich sogar verdoppelt.“ Sie kaufe deshalb nur noch halb so viel Fleisch, sagt sie, „jetzt esse ich mehr Eier“.

Das Nationale Statistikbüro Chinas bestätigt ihre Erfahrungen. In dieser Woche meldete es für den Februar eine Steigerung des Konsumentenpreisindex von 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. So viel wie seit knapp zwölf Jahren nicht mehr. In China wächst die Angst vor einer anhaltenden Inflation, der Konsumentenpreisindex ist der wichtigste Indikator hierfür. Im Januar war er bereits um 7,1 Prozent gestiegen. „Die hohen Inflationsanzeichen für Januar und Februar erhöhen den Druck auf die Regierung, etwas gegen die Preissteigerungen zu unternehmen“, sagte Wirtschaftsminister Chen Deming gegenüber der staatlich kontrollierten Zeitung „China Daily“.

Ein Grund für die hohen Lebensmittelpreise liegt nach Angaben des Nationalen Statistikbüros im ungewöhnlich heftigen Winter. Es kam zu Produktions- und Lieferausfällen. Doch bereits seit Anfang 2007 steigt die Inflation in China – ausgelöst durch den boomenden Immobilienmarkt und die steigenden Börsenkurse.

Chinas Zentralbank hat im vergangenen Jahr mit fünf vorsichtigen Steigerungen des Leitzinses um jeweils 0,27 Prozentpunkte reagiert, was die Inflation aber nicht nachhaltig im Zaum halten konnte. Auch jetzt wird wieder eine Erhöhung des Leitzinses erwartet. „Es gibt definitiv noch Raum für weitere Zinssteigerungen“, sagte Zhou Xiaochuan, Chef der chinesischen Zentralbank der „China Daily“. Ein Erfolg dieser Maßnahme wird allerdings bezweifelt. „Ich gehe davon aus, dass die Inflation in diesem Jahr auf keinen Fall zurückgehen wird, sondern auf einem hohen Niveau zwischen sieben und zehn Prozent bleiben wird“, sagt ein Finanzexperte, der ungenannt bleiben will. Zahlreiche ökonomische Rahmenbedingungen wie der hohe Rohölpreis, vermehrte Investitionen in den Umweltschutz sowie steigende Löhne und Gehälter sprächen dafür. Die Kosten für Unternehmen in China seien bereits derart gestiegen, dass einige Fabriken und Produktionsstätten aus der Umgebung Schanghais und der Guangdong-Provinz nach Westchina, Vietnam oder Bangladesch abgewandert seien.

Steigende Preise in China könnten auch die Inflation in westlichen Ländern erhöhen. Ben Simpfendorfer, China-Analyst der Royal Bank of Scotland, sagte dem Magazin „Time“: „China wird in den nächsten zehn Jahren einen inflationären Einfluss haben.“

In China nehmen die kommunistischen Politiker das Problem sehr ernst. Die Politiker fürchten sich vor sozialen Spannungen und Unruhen im Land, falls sich einkommensschwache Schichten wie die Landbevölkerung, Wanderarbeiter oder Rentner wichtige Nahrungsmittel nicht mehr leisten können. So erhält Frau Wang als ehemalige Krankenschwester pro Monat rund 1000 Yuan (etwa 100 Euro) vom Staat. „In zwölf Jahren ist meine Rente nur einmal um 50 Yuan erhöht worden“, berichtet sie. Sollte sich daran nichts ändern, wird sie auch in den nächsten Monaten weiter vor allem Eier essen müssen.

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