Wirtschaft : Eigenbeteiligung – wirtschaftlich oder unsolidarisch?

Carsten Brönstrup

Selbstbehalte, die es bislang nur in der privaten Krankenversicherung gibt, will die Techniker Krankenkasse (TK) ab 2003 auch im gesetzlichen System einführen. Das Modell funktioniert so: Der Versicherte bekommt zu Jahresbeginn 240 Euro überwiesen. Wenn er zwölf Monate lang keine Behandlung beim Arzt oder im Krankenhaus in Anspruch nimmt, kann er das Geld behalten. Falls doch, muss er bis zum Betrag von 300 Euro alle Rechnungen selbst zahlen, also im Höchstfall 60 Euro drauflegen. Vorsorgeuntersuchungen, Krebsvorsorge, der Kontrollbesuch beim Zahnarzt und die Behandlung von mitversicherten Kindern zahlt weiterhin voll die Kasse.

Für gesunde Kassenmitglieder bedeutet der neue Tarif im günstigsten Fall eine Beitragssenkung. Wer im Monat 2000 Euro brutto verdient, zahlt statt 13,7 Prozent, dem üblichen TK-Beitrag, nur 11,7 Prozent – vorausgesetzt, er meidet Arztpraxen. Mit steigendem Verdienst sinkt die prozentuale Ersparnis. Wer über der neuen Verdienstgrenze von 3825 Euro liegt, kann immer noch eine Ermäßigung auf 12,7 Prozent herausschlagen. Der Durchschnittsbeitrag aller Kassen dürfte im Jahr 2003 auf 14,2 Prozent steigen. Der Arbeitgeber, der sich sonst an der Zahlung der Beiträge zur Hälfte beteiligt, profitiert vom Selbstbehalt nicht. Eintreten in den neuen Tarif darf aber nur, wer bereits seit sechs Monaten Kunde der Techniker Krankenkasse ist.

Doch die Wirkung der finanziellen Eigenbeteiligung ist umstritten. Eine Belohnung für Patienten, die sparsam mit Gesundheitsleistungen umgehen, hat es in der Krankenversicherung schon einmal gegeben. Zwischen 1989 und 1994 zahlten fünf Betriebskrankenkassen (BKK) ihren Versicherten bis zu einen Monatsbeitrag zurück, wenn sie nur selten beim Arzt vorbeigeschaut hatten. Das Ergebnis damals: Einsparungen gab es keine, die Zahl der Arztbesuche blieb konstant, die Gesamtkosten stiegen sogar. Demnach würden Tarife mit Selbstbehalt tatsächlich die Finanzen der Kassen in Bedrängnis bringen – wie es Gesundheitsministerin Ulla Schmidt befürchtet.

Experten glauben trotzdem, dass sich Geld sparen lässt, wenn der Patient dazu einen finanziellen Anreiz erhält. Denn der BKK-Versuch hat damals auch deshalb nicht funktioniert, weil die Versicherten noch nicht nach Belieben die Kassen wechseln konnten – das geht erst seit 1996. Außerdem erfuhren die BKK-Kunden kaum etwas von den Vorteilen der Rückzahlung, sondern fanden oft unerwartet viele Monate später den von der Kasse überwiesenen Betrag auf dem Konto vor.

Dass Selbstbehalte wirken, zeigt das Beispiel Schweiz. Dort gibt es seit Mitte der 90er Jahre Tarife mit Stufen von 230 bis 1500 Franken pro Jahr. „Die Versicherten, die sich für einen Tarif mit hohem Eigenanteil entschieden haben, zahlen sogar mehr in das System ein, als sie herausbekommen“, sagt der Magdeburger Gesundheitsökonom Andreas Werblow. „Die Solidarität funktioniert also.“

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