Wirtschaft : Eigenverantwortung, Flexibilität, der Mitarbeiter als Unternehmer - Neues Modell oder Sprechblase?

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Die Gestaltung von neuen Beschäftigungsverhältnissen ist nach den Worten von Klaus Mangold, Vorstandsvorsitzender der DaimlerChrysler Services (debis) AG der Schlüssel zur Überwindung der Arbeitslosigkeit. Das sagte Mangold vor Teilnehmern des debis-Kongresses am Donnerstag in Berlin. Die revolutionären Fortschritte in der Informationstechnologie und die beispiellose Deregulierung vieler Märkte hätten mittlerweile auch die Dienstleistungsbranche voll erfasst, sagte Mangold. "Forschen in Deutschland, Entwickeln in Indien und Vertrieb im Internet" sei heute kein Science-Fiction mehr, sondern "Alltag in einem globalen Unternehmen". Für weltweit agierende Anbieter von Dienstleistungen seien daher Flexibilität und Schnelligkeit von entscheidender Bedeutung. "Nicht die großen Fische fressen die kleinen, sondern die schnellen die langsamen", sagte Mangold. Damit sei aber auch das traditionelle Selbstverständnis der Tarifparteien in Frage gestellt, die Dienstleistungsgesellschaft verlange mehr Eigenverantwortung der Beschäftigten, sagte Mangold. Das erfordere auch mehr Flexibilität in Sachen Arbeitsort und Arbeitszeit. "In einer so definierten Dienstleistungsgesellschaft werden Mitarbeiter in zunehmendem Maß zu Unternehmern" schloss der Debis-Chef. Ein solches Selbstverständnis der Arbeitnehmer verlange auch die Bereitschaft zu ständiger Weiterqualifizierung, die gerade im Dienstleistungsbereich unerlässlich für den Unternehmenserfolg sei.

Die Eigenverantwortung der Mitarbeiter ist auch nach Ansicht von Debis-Vorstandsmitglied Norbert Bensel der Schlüssel für die Arbeitswelt im nächsten Jahrhundert. Deshalb, sagte Bensel, "braucht die Dienstleistungsbranche andere Tarifverträge". Ziel der Tarifpolitk müsse es daher sein, Mitarbeiter zu motivieren, "damit sie wie Mitunternehmer denken und handeln." An die Stelle fester Berufsbilder und Karriereverläufe träten zeitlich befristete Aufgabenstellungen. "Die Dienstleistungsbranche lockt kreative Köpfe, dem muss man Rechnung tragen", sagte Bensel.

Als tarifpolitisches Neuland bezeichnete Bensel den seit dem 1. Januar geltenden neuen Tarifvertrag der Debis AG. Darin seien eine leistungsorientierte variable Vergütung, Arbeitszeitbudgets und Qualifizierungsanspruch geregelt. Der Anteil des festen Einkommens für die Debis-Beschäftigten macht demnach nur noch 90 Prozent des Jahresgehaltes aus. Die restlichen zehn Prozent sind abhängig vom Erreichen individueller Zielvereinbarungen und von der Unternehmensentwicklung. Bei Führungskräften beträgt der variable Anteil bis zu 50 Prozent. Bei der Arbeitszeit sieht der Tarifvertrag die Einführung von Arbeitszeitkonten ein. Überstunden können von den Beschäftigten in Form von Blockfreizeit genutzt oder für befristete Arbeitszeitverkürzung beziehungsweise vorzeitigen Ruhestand angespart werden. Bei einem vorzeitigen Ausscheiden eines Beschäftigten kann das Arbeitszeitkonto ausbezahlt werden. Die Kosten für Qualifizierungsmaßnahmen trägt generell das Unternehmen. Ist die Weiterbildung für die Erfüllung aktueller Projekte notwendig, trägt das Unternehmen auch den Zeitaufwand. Alle anderen Weiterbildungen gehen zur Hälfte zu Lasten der Beschäftigten. Debis-Beschäftigte haben Anspruch auf maximal 25 Tage individueller Weiterbildung innerhalb von fünf Jahren. "Das debis-Modell ist nicht für das gesamte produzierende Gewerbe anwendbar", stellte Bensel jedoch klar.

Bundesarbeitsminister Riester bezeichnete den Debis-Tarifvertrag als "richtungsweisende Reform" des Flächentarifvertrages, die zeige, dass man nicht von starren Tarifkartellen in Deutschland sprechen könne. "Das Beispiel Debis zeigt, dass der Flächentarifvertrag durch maßgeschneiderte Regelungen ergänzt werden konnte." Als besonders innovativ bezeichnete der Minister die Einrichtung von betrieblichen Arbeitszeitkonten. Es wäre wünschenswert, eine gesetzliche Regelung zu finden, diese auch bei einem Arbeitsplatzwechsel auf die neue Arbeitsstelle anrechnen zu lassen. Riester: "Ich werde das in meinem Haus prüfen lassen."

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