Wirtschaft : Ein Abgang als Affront

Fehlte ihm die Unterstützung? War es schlicht eine Panne? Bundesbankchef Axel Weber schweigt über die Gründe für seine Demission

von und Oliver Stock
Gestörtes Verhältnis. Bisher hatte sich Kanzlerin Angela Merkel nicht explizit für Weber als EZB-Präsidenten stark gemacht. Foto: Reuters
Gestörtes Verhältnis. Bisher hatte sich Kanzlerin Angela Merkel nicht explizit für Weber als EZB-Präsidenten stark gemacht. Foto:...Foto: REUTERS

Berlin/Wien - Die Kameras klicken, die Scheinwerfer strahlen. Als Axel Weber am Donnerstagmittag die Aula der Wiener Raiffeisen-Zentralbank betritt, sind Hunderte Augenpaare auf ihn gerichtet. Auf den Bundesbankpräsidenten, der bis vor kurzem noch als erster Kandidat für den Chefposten der Europäischen Zentralbank (EZB) galt. Der aber mittlerweile offenbar andere Pläne verfolgt. Und nun das: „Ich habe mit der deutschen Bundeskanzlerin gesprochen. Ich habe ihr zugesagt, dass ich mich nicht äußern werde, bis wir einander wieder treffen und in enger Abstimmung eine Entscheidung treffen“, liest er vom Blatt ab.

Zwei dürre Sätze, mehr nicht. Weber spricht lieber über die Konjunktur und die europäische Schuldenkrise. Zu seiner persönlichen Zukunft, zur Frage, warum er plötzlich doch nicht mehr einflussreichster Notenbanker Europas werden oder womöglich sogar zum Chef der Deutschen Bank aufsteigen will, dazu kein Wort. Dabei sind die Märkte verunsichert: Der Euro rutschte im Vergleich zum Dollar zeitweise um ein Prozent ab. Und die Politik ist in Aufruhr: Warum hat Weber Angela Merkel (CDU) derart düpiert? Und wer soll nun Bundesbank und EZB führen?

Wer Antworten will, muss sich gedulden. Eigentlich sollte Weber an diesem Freitag am Treffen des deutsch-französischen  Ministerrats teilnehmen. Doch er schickt lieber einen Vorstandskollegen.

Dabei hätte es zwischen dem 53-jährigen Professor und der Regierung durchaus Redebedarf gegeben. Denn Webers Beweggründe, nicht mehr Notenbanker sein zu wollen, liegen im Dunkeln. Womöglich fühlte er sich von der Kanzlerin beim Rennen um den EZB-Chefposten nicht genügend unterstützt – bislang hatte sie sich noch nicht explizit für ihn stark gemacht. Und das, obwohl die Franzosen bei jeder Gelegenheit gegen Weber stänkern, der als geldpolitischer Hardliner gilt.

Vielleicht hat Weber auch einfach nur ungeschickt agiert. Dass am Mittwochmorgen überhaupt Gerüchte über einen Amtsverzicht aufkamen, gilt schon als Ungeschicklichkeit – wird doch schon in normalen Zeiten jedes Wort der Notenbanker von den Finanzhändlern auf die Goldwaage gelegt. „Vielleicht war es eine Panne“, heißt es in Koalitionskreisen. „Das darf aber nicht passieren.“ Dass Weber nicht unbedingt ein Diplomat ist, hat schon seine laute Kritik am Beschluss der EZB gezeigt, Staatsanleihen der Euro-Schuldensünder aufzukaufen. Bis dato galt das Agreement in dem Institut, dass wichtige Beschlüsse nicht öffentlich infrage gestellt werden. Denkbar ist auch, dass Weber für eine solche laxe Geldpolitik, die Inflationsrisiken schürt, nicht zur Verfügung stehen wollte. Der Verzicht ehre ihn, befand Patrick Adenauer, Chef des Verbands der Familienunternehmer. „Kein Karriereschritt lohnt eine solche persönliche Verbiegung.“

Webers Entscheidung gegen die Notenbank-Karriere kommt in einer schwierigen Zeit: Der Euro-Raum steckt mitten in einer Diskussion um die Lehren aus der Schuldenkrise. Außerdem ist die Lage für die EZB nicht einfach: Sie muss einerseits die Zeichen anziehender Inflation beachten, etwa in Deutschland, andererseits die Schuldenländer weiter stabilisieren. Dieser Balanceakt erfordert hohe Kompetenz – Weber hätte sie gehabt.

Die SPD kritisierte die Aktion des Bundesbankchefs. Weber gehe in einer Lage von Bord, in der die Finanz- und Währungskrise keinesfalls ausgestanden sei, sagte der Vorsitzende Sigmar Gabriel dem Sender NDR Info. Dies sei nicht besonders verantwortungsbewusst.

Die FDP will dennoch weiter einen Deutschen an der EZB-Spitze sehen. Dafür solle sich Merkel stark machen, sagte der Finanzexperte Volker Wissing dieser Zeitung. „Die Bundesrepublik muss weiterhin ihren Anspruch darauf erheben, diese Position mit einem deutschen Vertreter zu besetzen.“ Mit der deutschen Stabilitätskultur könne das Vertrauen in den Euro wieder hergestellt werden. mit HB

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