Wirtschaft : Ein Adtranz-Manager im Kreuzverhör

MARGARITA CHIARI

BERLIN .Es passiert nicht alle Tage, daß ein Manager der Industrie dem Parlament in öffentlicher Sitzung zu unternehmensinternen Entscheidungen Rede und Antwort steht.Rolf Eckrodt, Chef der Adtranz Deutschland GmbH, wich von der Praxis ab und gab dem Wirtschaftsausschuß des Berliner Abgeordnetenhauses am Mittwoch bereitwillig Auskunft - wohl auch, weil er sich davon etwas versprach.Er wolle "Verständnis wecken" für eine Entscheidung, die sich das Adtranz-Management, "das können Sie uns glauben, bestimmt nicht leicht gemacht hat", nämlich jene, im Zuge der Restrukturierung von neun deutschen Fertigungsstandorten ausgerechnet jenen zu schließen, den er selbst noch vor kurzem als "modernstes Schienenfahrzeugwerk in Europa" bezeichnet hatte: das völlig neue, im Frühjahr 1997 eröffnete Werk in Berlin-Pankow.

Eckrodt war gut vorbereitet.Mit Charts und Schaubildern wollte er den "Damen und Herren Abgeordneten" die Entscheidung näherbringen - doch da spielte die Parlamentstechnik nicht mit.Es ging auch ohne Bildchen.Der Manager verwies auf den Restrukturierungsprozeß in der Branche insgesamt, erläuterte, daß das Unternehmen rund 250 Mill.DM einsparen müsse, wenn die Produktion in Deutschland auf Dauer wettbewerbsfähig sein soll und "immerhin 6000 Arbeitsplätze sicherer werden".Er beantwortete die Frage nach Frauenarbeitsplätzen, sprach von Bündelung der Kompetenzen und Optimierung, aber auch davon, daß die Geduld der "shareholder" - also der Muttergesellschaften Daimler Benz und ABB - eben Grenzen habe, zumal in einem Konzern, der in 28 Staaten präsent sei.Und schließlich sparte er nicht mit Selbstkritik: Es wäre, sagte Eckrodt, "sicher besser gewesen, mit dem Maßschneidern schon nach der Fusion zu beginnen, statt Hoffnungen zu wecken." Doch ebenso klar blieb er in einem Punkt, dem entscheidenden: Zur Schließung von Pankow gibt es keine Alternative.

Da platzte dem Ausschuß-Vorsitzenden der Kragen: "Was", wollte Ditmar Staffelt (SPD) wissen, "haben Sie sich eigentlich damals gedacht, als sie sich für den Neubau in Pankow entschieden", für das schließlich die "Taschen der öffentlichen Hand geöffnet wurden"? So ein Werk könne doch nicht nach knapp eineinhalb Jahren geschlossen werde, mit der Begründung die Fixkosten seien zu hoch - "das haben Sie doch am Reißbrett entworfen".Wo, bitte sehr, bleibe da die unternehmerische Verantwortung? "Waren Sie blauäugig?" Das wollten auch die Vertreter von CDU, Bündnis90/Die Grünen und PDS wissen.

Und plötzlich gab es Neuigkeiten.Nicht in Pankow, korrigierte Eckrodt frühere Angaben, seien die Fixkosten zu hoch, sondern im Konzern insgesamt.Die Wahrheit sei, daß sich der kleinste Standort mit 350 Beschäftigten leichter schließen lasse als ein großer, auch wenn das "eine gewisse Tragik" habe.Doch es würden auch Kapazitäten in die Region verlagert, warb Eckrodt: "Was glauben Sie, was die Bayern uns erzählen, weil wir ihre U-Bahnen nun in Hennigsdorf bauen wollen?" Und dann beantwortete der Manager auch eine Frage, die auf den Hinterbänken, dort wo Mitarbeiter des Werkes Pankow saßen, schon gespannt erwartet wurde: Der Plan, 150 Stellen von Pankow nach Hennigsdorf zu verlagern, während dort 450 Stellen gestrichen werden sollen, steht bislang nur auf dem Papier.In Hennigsdorf pocht man auf das Vorrecht der Stammbelegschaft.

Eine Lösung für Pankow brachte das Kreuzverhör nicht.Eckrodt zeigte sich "für Anregungen offen" und Staatssekretär Wolfgang Branoner betonte noch einmal, "daß wir hier Entscheidungen nicht einfach entgegennehmen".Fazit: Noch in diesem Monat wird ein Strategiekreis gegründet, der Chancen für Pankow ausloten soll.Draußen, vor der Tür, sprach der Vertreter der IG Metall der Belegschaft Mut zu: "Der Kampf hat erst begonnen".

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