Wirtschaft : Ein amerikanischer Albtraum

Infolge der Immobilienkrise verfallen ganze Stadtviertel – und werden zu Quartieren für Obdachlose

Rita Neubauer

San Francisco - Das hellgrüne Haus mit dem weißen Zaun im kalifornischen Modesto verkörperte vor kurzem noch den amerikanischen Traum. Nun wuchert dürres Gras im Vorgarten, das „For Sale“-Schild lehnt kopfüber an der aufgebrochenen Eingangstür. Im Innern: Bierflaschen, Fast-Food-Überreste und der Geruch von Urin. Das Haus ist ein Überbleibsel aus den Tagen des amerikanischen Immobilienbooms, als extrem niedrige Zinsen aus Mietern mit schlechter Bonität Hausbesitzer machten. Als die Gier von Hypothekenmaklern, Banken und Wall Street aus dem Ruder lief. Und als Immobilien wie Aktien zu Spekulationsobjekten wurden.

Nun ist die Empörung groß. Denn es drohen nicht nur Zwangsversteigerungen. Die verlassenen Häuser werden zum Problem für die Kommunen. Vandalen zerschlagen Fenster, treten Türen ein und zerstören die Installationen. Gauner reißen Kupferleitungen aus den Wänden und verhökern sie samt Kücheneinrichtungen und Badezimmern. Ungebetene Gäste lassen sich nächtens in den Häusern nieder. Obdachlose freuen sich über ein sicheres Plätzchen, an dem oft noch Wasser und Strom funktionieren. „Viele sehen die Kreditkrise als Chance, eine günstige Bleibe zu finden“, sagt etwas sarkastisch Bert Lippert. Lippert ist für das Obdachlosenproblem in Modesto zuständig.

Modesto profitierte wie so viele Städte in Kalifornien vom Immobilienboom. Die Hauspreise explodierten, die Einwohnerzahl schnellte auf 200 000, und der Ort wurde zur Schlafstadt für die San Francisco Bay Area. Nun jedoch liegen ganze Neubauviertel brach, verlassen von den Baugesellschaften, als diesen das Geld ausging. Auch die Kommunen sind betroffen, die sich an die sprudelnden Einnahmen durch Grundstückssteuern gewöhnt haben. Denn in den USA richten sich diese nach der Höhe des Immobilienwertes. Nun denken Städte darüber nach, die Kreditinstitute zu verklagen, weil die gewusst hätten, dass die Schuldner nicht in der Lage sein würden, die höheren Anschlusszinsen zu zahlen, wenn der günstige Kredit ausläuft.

Derweil machen sogenannte „vulture tours“ – Aasgeier-Touren – von sich reden. Immobilienmakler in Kalifornien, Florida und Nevada, wo die meisten Zwangsversteigerungen stattfinden, organisieren Busfahrten für Schnäppchenjäger. An der Ostküste das gleiche Bild. In Cleveland, Ohio, gehen dem lokalen Obdachlosenheim die Kunden verloren. Viele von ihnen haben in einem der 15 000 leer stehenden Häuser Unterschlupf gefunden – ohne die strengen Restriktionen in den städtischen Heimen, was Alkohol und Drogen betrifft. Neue, bezugsfertige Häuser offerieren die besten Schlafplätze.

Im Nordosten machen vor allem geborstene Leitungen den Behörden zu schaffen. Städtische Angestellte sind inzwischen mehr damit beschäftigt, leere Häuser in Augenschein zu nehmen, als Baugenehmigungen abzusegnen. In einem Haus liefen 800 000 Liter Wasser aus. Wer für die Wasserrechnung zuständig ist, bleibt ungeklärt. Ein Haus, das 700 000 Dollar wert war, stand monatelang mit einem gefluteten Keller leer. Es wurde schließlich auf einer Auktion für 280 000 Dollar versteigert. „Die Stadt trägt eigentlich keine Verantwortung, aber wir sind diejenigen, die mit den Problemen fertig werden müssen“, klagt Jason Aarsvold von Brooklyn Park, Minnesota. Wenn Wasserschäden, Schimmel und die Zerstörung zu groß sind, hilft oft nur der Abriss, sagt Carolyn Olson von der Greater Metropolitan Corporation in Minneapolis. Dort sei jedes dritte Haus, das auf der Liste der Zwangsversteigerungen steht, abrissreif.

„Das ist ein amerikanischer Albtraum“, sagt der demokratische Abgeordnete Keith Ellison aus Minnesota. Seine Kollegen im Kongress basteln an einem Gesetz, das Hypotheken im Volumen von 300 Milliarden Dollar staatlich versichern will. Kleine Lichtblicke gibt es dennoch: Organisationen wie Habitat for Humanity machen sich die fallenden Hauspreise und Zwangsversteigerungen zunutze. Sie erstehen und renovieren verlassene Häuser für unterprivilegierte Familien, für die sonst nie der amerikanische Traum Wirklichkeit werden würde.

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