Wirtschaft : Ein Anhänger von Vielfalt und Flexibilität

ALFONS FRESE

BERLIN .Nicht eben sehr behutsam ging der Metaller mit seinem zweiten Vormann um."Wer nach allen Seiten offen ist, der läuft Gefahr, daß er für nicht ganz dicht gehalten wird", attackierte ein Funktionär Walter Riester.Der Stellvertreter des IG Metall-Chefs Klaus Zwickel hatte sich zuvor "den Weg offen" gehalten, als es um die Richtung künftiger Arbeitszeitverkürzungen ging."Walter, mir fehlt die Sonne", klagte ein Betriebsrat in Anspielung auf die aufgehende Sonne hinter der 35, dem legendären Logo der IG Metall-Kampagne zur 35-Stunden-Woche.Auf der arbeitszeitpolitischen Konferenz der IG Metall im Mai verliefen die Frontlinien zwischen Klaus Zwickel und der Mehrzahl der Funktionäre auf der einen und Walter Riester plus viele Betriebsräte auf der anderen Seite.Die Zwickel-Truppe ist für die kürzere Wochenarbeitszeit für alle, also 32 Stunden.Riester dagegen faßt den Kanon der Möglichkeiten breiter, plädiert für eine Diskussion über Wochen-, Jahres- und Lebensarbeitszeit.Eben für Flexibilität und "differenzierte Umsetzung".Etwa so wie bei Debis, wo die IG Metall eine Wochenarbeitszeit zwischen 35 und 40 Stunden aushandelte.Keine Spur von 32 Stunden.

Am gelernten Fliesenleger aus Kaufbeuren klebt das Etikett des ideologiefreien Modernisierers, des Strategen einer Reform des Flächentarifs.Der Blick in die Zukunft geht dabei bisweilen so weit, daß die Basis nicht mehr mitkommt.Etwa dann, wenn Riester über "Strukturen im Jahr 2005" nachdenkt, oder über "neue Gesichtspunkte der Leistungshonorierung wie Zielvereinbarungen" spricht.Dabei ist auch in der Gewerkschaft der Zwang zur Weiterentwicklung der Flächentarife unumstritten.Aber der Basis müssen Visionen und Zumutungen auch verkauft werden können.Und das ist nicht die Stärke des Walter Riester.In seinen Zukunftsentwürfen war nur selten ein mobilisierungsfähiges Ziel erkennbar - für eine Organisation wie die IG Metall ist das aber von existenzieller Bedeutung.

Wie das funktioniert, weiß dagegen Klaus Zwickel.Er brachte den Begriff des "Bündnis für Arbeit" ins tarifpolitische Spiel, er testete die Wirkung der "32-Stunden-Woche" und rief das "Ende der Bescheidenheit" aus.So schließt der große Vorsitzende die Reihen hinter vielversprechenden Parolen.

Holzschnitt auf der einen, bunte Vielfalt auf der anderen Seite - Klaus Zwickel und Walter Riester haben sich gut ergänzt.Und kurz vor der Wahl eine Art Streitgespräch in der Gewerkschaftszeitschrift "metall" geführt.Zwickel ging auf den designierten Arbeitsminister zu, die 32-Stunden-Woche sei für ihn "keine Glaubensfrage".Der Vorsitzende bedauert natürlich, daß er "einen hervorragenden Tarifpolitiker" an die Politik verliert.Um dem neuen Minister gleich noch ein paar Empfehlungen ins Gepäck zu geben: Die Arbeitgeber müßten Beschäftigungszusagen machen.Zum Beispiel: "Der Gesetzgeber läßt den Tarifparteien Zeit, um die Überstunden zu verringern und damit neue Arbeitsplätze zu schaffen.Kommen sie in diesem Zeitrahmen nicht zusammen, dann regelt das der Gesetzgeber." Also mehr oder weniger der alter Kumpel Walter.

Der hält sich bislang eher zurück, deutet aber eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes an; die gegenwärtige Höchstgrenze von 60 Wochenstunden will Riester nach unten verschieben.Schön differenziert in Stufen, je nach Lebensalter und Arbeitsbelastung.Grundsätzlich jedoch ist aus dem zweiten Anlauf zu einem "Bündnis für Arbeit" bislang nicht erkennbar, wohin der Sprung geht.Und ob überhaupt gesprungen wird.

Unabhängig von der neuen großen Konsensrunde hat sich Riester drei Ziele für die erste Zeit im neuen Amt gesetzt: Jeder Jugendliche soll binnen sechs Monaten nach Schulabschluß eine Lehrstelle oder einen Arbeitsplatz bekommen.Die Kosten soll die Bundesanstalt für Arbeit tragen.Zum zweiten will Riester sicherstellen, "daß die Alterssicherungssysteme nicht in die Armut führen".Dazu sollen die Rentenkassen Schritt für Schritt von versicherungsfremden Leistungen entlastet werden.Und schließlich steht auf dem Aktionsprogramm des neuen Ministers die Revision des aufgeweichten Kündigungsschutzes in Kleinbetrieben.Es dürfe nicht sein, meint Riester, daß rund acht Millionen Menschen ohne Kündigungsschutz dastehen.

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