Wirtschaft : Ein besseres Leben

Hunderte Millionen Chinesen streben in die Städte – und damit auch nach mehr Komfort. Davon profitieren deutsche Konzerne.

Die sechsspurige Schnellstraße in Schanghai ist verstopft. Eine schier endlose Lawine an Autos rollt in Richtung Stadt, vorbei an Hunderten von Hochhäusern, die den Straßenrand säumen. Am Horizont glitzert die Skyline Schanghais, in der sich die Wolkenkratzer in schwindelerregenden Höhen überbieten. 24 Millionen Menschen leben in dieser aufstrebenden Metropole, und ein Ende des Wachstums ist nicht absehbar. Noch wohnen rund 700 Millionen Chinesen auf dem Land. Aber die Regierung fördert die Urbanisierung. Die Dimensionen gleichen einer Völkerwanderung: In den nächsten 20 Jahren werden Prognosen zufolge 350 Millionen Menschen vom Land in die Stadt ziehen. Und sie alle suchen ein besseres Leben.

Deutsche Auto- und Chemiekonzerne haben das Nachfragepotenzial in China, dessen privater Konsum noch deutlich schwächer ist als in Europa oder den USA, längst erkannt. Deshalb steigern Bayer, BASF oder Volkswagen in China ihre Kapazitäten, um im wachsenden Markt vorne mit dabei zu sein.

Schon heute macht das China-Geschäft beim Pharma-und Chemiekonzern Bayer knapp zehn Prozent des Konzernumsatzes aus. Die Kunststoffe nutzt die chinesische Bau- und Autoindustrie. Auch Bayers Pillen sind gefragt: Die Regierung arbeitet daran, für alle Menschen auf dem Land eine Gesundheitsversorgung einzurichten. Für Bayer sind das 700 Millionen potenzielle Aspirin-Abnehmer.

Auch auf dem Automarkt geht das Wachstum ungehindert weiter. Bis 2020 sollen nach Prognosen der chinesischen Regierung 200 Millionen Autos auf den Straßen des Landes unterwegs sein, bisher sind es rund 80 Millionen. Der Autobauer Volkswagen plant deshalb neue Produktionsstätten in China, er betreibt derzeit mit chinesischen Partnern neun Werke mit einer Kapazität von 1,9 Millionen Einheiten. Schon heute ist China der größte Markt für den deutschen Konzern.

Eine Studie des Economist Intelligence Unit in Zusammenarbeit mit der Universität Peking bestätigt die Hoffnungen deutscher Konzerne. Für die Untersuchung wurden mehr als 2000 Konsumenten nach ihren Wünschen befragt. Dabei unterscheiden sich die Chinesen, die auf dem Land leben, deutlich von den 600 Millionen Städtern. Für die chinesische Mittelklasse, die größtenteils in der Stadt lebt, gehören Fernseher, Handy, Computer, Waschmaschinen und Kühlschrank längst zur Grundausstattung. Unter den wichtigsten Wünschen dieser Gruppe stehen neben mehr Zeit und mehr Geld eine größere, besser ausgestattete Wohnung und ein Auto. Für die Menschen auf dem Land ist die Welt des Konsums noch weiter entfernt. Viele verdienen zu wenig, um zu sparen, nutzen ihr Geld in erster Linie für die Ausbildung ihrer Kinder, Nahrung und Gesundheit. Die Landbevölkerung wünscht sich komfortablere, besser ausgestattete Wohnungen und Technik: Oben auf der Liste stehen Kühlschrank und Klimaanlage. Wenn sie erst einmal in der Stadt wohnen, werden viele dieser Menschen sich auch ein Auto kaufen wollen, vielleicht sogar ein deutsches. jmi

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