Wirtschaft : Ein Bleistifttraum wird ausradiert

ANDREAS FROST

NEUSTADT-GLEWE .Bei der Eröffnung der Norddeutschen Bleistiftfabrik (NBF) im September vergangenen Jahres herrschte noch eitel Sonnenschein in Neustadt-Glewe und in Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt Schwerin.Die Lokalhonoratioren freuten sich über die langfristig versprochenen 75 Arbeitsplätze im strukturschwachen Westmecklenburg.Die Landespolitiker hofften, diese erste chinesische Direktinvestition in einen Industriebetrieb in Deutschland würde den Weg für weitere Ansiedlungen mit Geld aus dem Reich der Mitte ebnen.Inzwischen macht sich Katerstimmung breit.Denn die NBF hat Mitte April Gesamtvollstreckung angemeldet.Nun streiten die Experten darüber, warum das Vorhaben gescheitert ist.

100 Mill.Bleistifte sollten das Werk neben der Autobahn A 24 Hamburg-Berlin jährlich verlassen.14,5 Mill.DM wollten die Schanghaier "China First Pencil Company", einer der weltweit größten Bleistifthersteller, die chinesische Außenhandelsfirma AIT mit Sitz in Hamburg und die Shanghai International Trust and Investment Corporation (SITICO) als Gesellschafter investieren.Mit der NBF wollten die Chinesen einen Fuß in den europäischen Markt bekommen.Der damalige Geschäftsführer Haomin Deng machte keinen Hehl daraus, daß das weltweit gute Image der deutschen Bleistiftindustrie auf seine Produkte abfärben sollte.Ob dann das begehrte "Made in Germany" oder nur "Germany" auf den Stiften stehen würde, war ihm nicht so wichtig.

Doch aus dem "Made in Germany" ist nichts geworden.Da die NBF fertige Rohlinge aus China in Neustadt-Glewe "nur" gefärbt, bedruckt, mit bunten Folien umwickelt und mit Radiergummis am Ende versehen hatte, bekam sie in Deutschland kein Ursprungszeugnis für ihre Bleistifte.Ohne das "Made in Germany" konnte die NBF aber wohl nicht die erhofften hohen Preise für ihre Produkte erzielen.Und weil sie vom ursprünglichen Produktionskonzept abgewichen sei, das die Herstellung der Rohlinge in Mecklenburg vorgesehen hatte, kündigte die Norddeutsche Landesbank (Nord/LB) Anfang April den Kredit über 8,5 Mill.DM.80 Prozent davon waren vom Land verbürgt.Das Schweriner Wirtschaftsministerium hatte zudem 2,5 Mill.DM Zuschüsse zugesagt, die jetzt zurückgefordert werden.

Dabei hätte eine Maschine, die aus entsprechenden Vorprodukten die Rohlinge herausfräst, nur 30 000 Dollar gekostet, sagt der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer zu Schwerin, Klaus-Michael Rothe.Wiederholt habe die IHK die Chinesen darauf hingewiesen, daß dieser Produktionsschritt für das Ursprungszeugnis notwendig sei.Doch die NBF habe bis zum Schluß nicht einmal einen Antrag für das Zertifikat gestellt.Auch die landeseigene Gesellschaft für Wirtschaftsförderung (GfW), die das Projekt von Anfang an begleitete, sieht in der fehlenden Fräsmaschine den Hauptgrund für das Scheitern.Branchenexperten glauben allerdings, die NBF wäre auch mit der Spezialmaschine auf keinen grünen Zweig gekommen."Sie müssen ein ganzes Sortiment anbieten - Bleistifte, Radiergummis, Lineale, Buntstifte - sonst kommen sie kaum ins Geschäft", heißt es.

Hinter vorgehaltener Hand ist aber auch immer wieder von Mentalitätsunterschieden die Rede."Wir wußten nie, ob die NBF-Leute wirklich verstanden haben, was wir wollten, oder ob sie die Vorgaben bewußt ignoriert haben", sagt einer der Projektbegleiter.Ein anderer spricht gar von "chinesischer Arroganz".Kaum vermittelbar sei es etwa gewesen, daß ein guter Marketing-Manager in Deutschland nicht für 30 000 DM Jahresgehalt zu haben ist.

Sequestor Hans-Jürgen Lutz nennt dagegen ganz andere Gründe für das vorzeitige Ende."Nach meinen jetzigen Erkenntnissen ist die NBF an der deutschen Bürokratie gescheitert", sagt er.So sei der Firma ursprünglich ein Grundstück im 30 Kilometer entfernten Zarrentin empfohlen worden.Im fortgeschrittenen Stadium wurde die Planung von den zuständigen Ämtern gestoppt, da die NBF ihre Bleistifte mit Nitrolacken färben wollte, was in der Nachbarschaft zu mehreren Lebensmittelproduzenten nicht erlaubt ist."Es ist merkwürdig, daß all die deutschen Förderer das nicht vorher wußten", so Lutz.Ihn wundert auch, daß die TÜV-Außenstelle in Schanghai die chinesischen Maschinen abgenommen hatte, der hiesige TÜV aber querschoß.Auch sei es für die Chinesen schwer gewesen, Arbeitserlaubnisse für jene mitgebrachten Mitarbeiter zu bekommen, die die neuen deutschen Kollegen einarbeiten sollten.Nicht zuletzt gab es dann auch noch Ärger mit der Berufsgenossenschaft, obwohl im NBF-Werk "Umluft- und Filtertechnik vom Feinsten" eingebaut worden sei.Die Betroffenen selbst schweigen: Die NBF-Manager äußern sich gegenüber der Presse nicht, so ihr Hamburger Anwalt.

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