Wirtschaft : Ein Blick in die Kristallkugel

Prognos stellt den „Deutschland Report 2030“ vor

Michael Schmidt

Berlin - Deutschland im Jahr 2030. Der demografische Wandel – die Geburtenzahlen sinken, die Lebenserwartung steigt – hat kaum einen Bereich von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft unberührt gelassen.

Die Sozialversicherungen sind trotz aller Reformanstrengungen zu einem Milliardengrab geworden, die Ausgaben gestiegen, die Beitragssätze auch. Die Wirtschaftsleistung wächst nach wie vor jährlich um nur 1,4 Prozent und hinkt damit weiterhin hinter der deutlich dynamischeren Weltwirtschaft her. Das Pro-Kopf-Einkommen aber, der Lebensstandard, ist wegen der schrumpfenden Bevölkerung seit 2006 um mehr als 40 Prozent gestiegen. Durch den rasanten Strukturwandel und die Globalisierung sind in der Industrie Millionen einfache Jobs verloren gegangen. Ein zentrales Problem des Standorts Deutschland ist das Unternehmenssteuersystem – die Belastung von Firmen ist im internationalen Vergleich zu hoch, das System zu kompliziert. Das ist das Bild von Deutschland im Jahr 2030, das das Schweizer Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos in einer umfangreichen Studie zeichnet. Die Institutsmitarbeiter haben einen langen Blick in die Kristallkugel getan – und ihre Ergebnisse jetzt im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin vorgestellt.

„Die beste Art, auf die Zukunft vorbereitet zu sein, ist, sich auf die Zukunft vorzubereiten“, sagte Prognos-Geschäftsführer Christian Böllhoff und empfahl Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft die 700-Seiten-Studie zur intensiven Lektüre. BDI-Präsident Jürgen Thumann stand ihm zur Seite: „Unsere Zukunft ist kein unabwendbares Schicksal, wir alle können sie gestalten.“ Dass es an Politik und Wirtschaft sei, dafür zu sorgen, dass die Zukunft besser werde als prognostiziert, sah auch Thomas Mirow so, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium.

Allein, die Frage nach dem Wie blieb an diesem Abend im Hin und Her zwischen Politik und Wirtschaft unbeantwortet. BDI-Hauptgeschäftsführer Ludolf von Wartenberg befand, dass die Studie von „relativ optimistischen Annahmen ausgehe“ und trotzdem zu „zum Teil frustrierenden Ergebnissen“ komme. Das zeige, „dass wir es nicht mit einem aktuellen konjunkturellen Problem zu tun haben, sondern mit tief sitzenden strukturellen Verwerfungen“. Was er als Politiker damit anzufangen gedenke, fragte der Wirtschaftsmann den Staatssekretär. Mirow gab zurück: „Erfolg werden wir nur haben, wenn es uns gelingt, die Menschen davon zu überzeugen, dass das, was die Experten für richtig halten, auch für sie gut ist.“

Dabei verwies er auf die Vorhersage der Prognos-Studie, wonach sich das produzierende Gewerbe auf einer Talfahrt befinde und die Dienstleistungsbranche der große Profiteur des Strukturwandels sein werde. Mirow sieht hier ein Mentalitätsproblem: „Die Deutschen lieben das Handwerk, und sie lieben die Industrie – aber sie hassen Dienstleistungen.“ Nicht zuletzt deshalb, weil sie bei Dienstleistungen an Niedriglohnjobs dächten und nicht etwa an die Banken- und Finanzbranche.

Ludolf von Wartenberg widersprach. Die Politik sei nicht dazu da, nur das zu tun, was die Bevölkerung mittrage – „kleine Kinder wollen immer Süßes“. Er verlange vielmehr Führung. Einig waren sich die Diskutanten jedoch in zwei entscheidenden Punkten: Es gebe nicht die eine Stellschraube, die alles zum Besseren wende. Und: Egal, was man tue, es brauche Zeit.

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