Wirtschaft : Ein Chip für guten Käse

Neue Technologie kann die Herkunft von Nahrungsmitteln festhalten und die Qualität sichern

Gabriel Kahn

Die traditionellen Käsereien Italiens haben eine neue Zutat für ihren Parmigiano-Reggiano gefunden: einen Computerchip. Die Chips sind in der Kruste der schweren Käselaibe eingelassen und enthalten alle wichtigen Fakten zum Produkt, wie Herkunftsort, Herstellungstag und sogar Angaben zum Futter der beteiligten Milchkühe. Von diesen Merkmalen hängen Aussehen, Geschmack und nicht zuletzt der Preis des Parmesans ab. Das Ganze basiert auf der RFID-Technologie (Radio Frequency Identification), einem kontaktlosen Identifikationssystem, das immer häufiger zur Markierung von Waren eingesetzt wird.

Dieser leichte Zugriff auf die wesentlichen Informationen verändert langsam das Gesicht der Parmesan-Industrie. Durch die RFID-Chips lassen sich nicht nur die nachgemachten Parmigiano-Produkte aus Osteuropa herausfiltern, die weltweit immer wieder in die Supermärkte gelangen. „Wir rechnen damit, dass unsere Betriebskosten durch die RFID-Technologie um 50 Prozent sinken werden“, sagt Carlo Buttasi, technischer Leiter des Konsortiums der Milchproduzenten im italienischen Mantua.

Auch in anderen Branchen, angefangen von der Pharmaindustrie bis hin zu Bekleidungsherstellern, könnte die RFID-Technik die Erfassung und Verwaltung der Bestände revolutionieren. Denn RFID-Chips sind schnell zu lesen und können gewaltige Mengen von Informationen speichern. Der Weg eines Produktes von der Fabrik zur Supermarkt-Kasse lässt sich damit lückenlos verfolgen.

Doch während in den Käsereien in Norditalien dabei alles nach Plan läuft, gibt es bei den ehrgeizigen RFID-Projekten großer Handelsketten noch Probleme. So sind etwa bei Wal-Mart die Pläne zur Einführung der Technik zuletzt immer wieder ins Stocken geraten. Nachdem der Konzern seinen Zulieferern eine Frist bis Ende Januar gesetzt hatte, haben die 100 größten Wal-Mart-Lieferanten angefangen, wenigstens einige ihre Produkte mit den RFID-Chips auszustatten.

Doch für viele von ihnen sind die Kosten derzeit noch größer als der Nutzen. Denn die RFID-Technik steht vor ähnlichen Problemen wie einst die Strichcode-Technologie. Zwar wurde das Strichcode-Patent schon 1952 vergeben. Es dauerte jedoch bis 1974, bis das erste Lesegerät für die verschlüsselten Etiketten in einem Supermarkt in Ohio installiert wurde. Auch das RFID-Patent wurde schon 1976 angemeldet. Doch erst 1996 einigte sich die Industrie auf die Funkfrequenzen für den Datenaustausch zwischen Chip und Computer.

Die RFID-Chips haben es auch aus anderem Grund schwer: Ausgangspunkt des Strichcodes waren die Kassen in den Supermärkten. Damit konnte der Einzelhandel einheitliche Standards festlegen und diese an die Zulieferer weitergeben. Anders bei RFID. Weil sich die Technik von den Produktionsquellen ausbreitet und nicht von den Handels-Riesen diktiert wird, entwickelt sie sich in jeder Branche anders. Kleineren Unternehmen nutzt dies am meisten, weil sie die Programmierung der Chips an ihre besonderen Bedürfnisse anpassen können.

Wenn verschiedene Industriezweige die Chips jedoch mit unterschiedlichen Daten laden, macht dies die nahtlose Erfassung von Fabrik zum Einzelhändler nicht einfacher. „Wal-Mart hat es sehr schwer, die eigenen Standards bei den Zulieferern durchzusetzen und die Lieferanten zur Abstimmung untereinander zu bewegen“, sagt Roberto Tunioli, Chef der italienischen IT-Firma Datalogic, die den Chip für die Parmesan-Hersteller entwickelt hat und die RFID-Technik auch an andere Kunden verkauft.

„Für ein paar Käsehersteller aus Mantua war die Verständigung auf einheitliche Standards eine Kleinigkeit.“ Für die Käserei-Betriebe löste die RFID-Technik uralte Probleme bei der Identifizierung ihrer Produkte. Die Kooperative in Mantua sammelt die Käselaibe von 94 Mitglieds-Farmen und verkauft sie an Supermärkte und Großhändler. In jeden Laib wird eine Seriennummer eingestanzt, bevor der Käse zum Reifen in das Kühlhaus kommt. Dort lagert er zwischen sechs und 36 Monate. Während des Reifeprozesses wird der Käse wöchentlich gebürstet – die Markierung verblasst dabei immer mehr. Eine Verwechslung der 30 Kilogramm schweren Käselaibe ist oft folgenschwer, denn die Unterschiede bei Qualität und Preis sind beträchtlich: Während ein durchschnittliches 30-Kilo-Laib schon für unter 150 Euro zu haben ist, kosten die besseren Sorten bis zu 300 Euro.

Seit zwei Jahren experimentiert das Konsortium mit dem neuen System. Mit einer Anfangsinvestition von 60000 Euro startete man ein einjähriges Pilotprogramm. Datalogic konzipierte einen Chip, der sich in die Parmesan-Kruste einhüllen lässt, so dass weder Reifeprozess noch Geschmack darunter leiden. Die Kruste ist ohnehin nicht zum Verzehr bestimmt, und die Großhändler entfernen den Chip vor der Aufteilung der Käselaibe für den Weiterverkauf.

Jetzt werden alle Betriebe des Konsortiums an das RFID-System angeschlossen, bei Gesamtkosten von 150000 Euro und weiteren 50 Cent für jeden Chip. Schon jetzt macht die Kennzeichnung die Verfolgung der Käselaibe leichter. Und wenn die Güte während der Reifezeit leiden sollte, kann der Käse durch die Technik sehr leicht neu klassifiziert werden. Die Kunden begrüßen vor allem die neue Sicherheit: RFID ist wie eine zusätzliche Qualitätsgarantie.

Otomo Jun, Einkäufer der japanischen Großhandelsfirma Okura Food Sales, kauft die Käselaibe noch, bevor sie zum Reifen in das Kühlhaus gelangen. Japanische Einzelhändler verlangen für den Käse dann bis zu 100 Euro pro Kilogramm. Otomo kauft die Laibe, denen er besonderes Potenzial beim Reifen zutraut. Dann wartet er bis zu zwei Jahre, immer hoffend, dass die teure Ware nicht wegen der unleserlichen Seriennummern verwechselt wird. Bislang war Vertrauen sein einziger Garant – und oft war ihm das zu wenig. „Es können schwere Fehler gemacht werden“, sagt der Einkäufer. Dank der elektronischen Kennzeichnung wird er auch seine wählerischen Kunden in Japan beruhigen können. „Die fragen als Erstes nach den Dokumenten, die Authentizität und Qualität garantieren.“

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