Wirtschaft : Ein-Euro-Job statt Weiterbildung

Institute befürchten massive Pleitewelle

Alexander Visser

Die Weiterbildungsträger in Deutschland stehen vor einer massiven Pleitewelle, befürchten sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmervertreter der Branche. In einem Gespräch mit Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement hat der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Frank Bsirske, am Freitag auf die dramatische Situation hingewiesen. Seit Einführung der Hartz-Reformen schicken die Agenturen Arbeitssuchende lieber in Ein-Euro-Jobs statt zur Weiterbildung. Viele Bildungsträger mussten schon schließen, weitere stehen vor dem Aus. Verdi zufolge wurden bereits 25000 bis 30000 Stellen abgebaut – mehr als ein Viertel aller Arbeitsplätze.

„Es gibt gravierende Fehlsteuerungen in der arbeitsamtgeförderten Weiterbildung“, sagte Verdi-Vorstandsmitglied Petra Gerstenkorn dem Tagesspiegel. „Für Arbeitslosengeld-II-Empfänger dürfen nicht nur Ein-Euro-Jobs geschaffen werden, die vorhandenen Mittel müssen auch in Aus- und Weiterbildung fließen.“

Laut offizieller Statisitik nahmen im Dezember 2002 noch rund 325000 Menschen an einer öffentlich geförderten Weiterbildung teil, zurzeit sind es nur noch 116000. Seit Geltung der Hartz-IV-Gesetze im Januar 2005 ist die Zahl der Neuanfänger in Weiterbildungsmaßnahmen bundesweit noch einmal um 66 Prozent gesunken.

„Von der Pleitewelle sind nicht nur kleine und mittlere Unternehmen betroffen, auch den ganz großen steht das Wasser bis zum Hals“, sagt Peter Rother, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Träger beruflicher Bildung (BBB). So habe etwa die Verdi nahe stehende Deutsche Angestellten-Akademie (DAA) ihr Personal um fast 50 Prozent auf 1200 reduzieren müssen. Wie viele Träger von Insolvenz bedroht sind, weiß auch der Verband nicht, die Branche ist sehr heterogen. Dazu gehören gewerkschaftsnahe Institute, Volkshochschulen, der Tüv oder spezialisierte Softwarefirmen. Im relativ jungen Verband BBB sind gerade einmal 29 große Träger zusammengeschlossen. Ihre Gesamtzahl wurde noch vor wenigen Jahren auf bis zu 10000 geschätzt.

Verdi sorgt sich nun um die Bildungsstruktur in Deutschland. „Die Politik der rot-grünen Koalition und die Vorgehensweise der Bundesagentur für Arbeit führen zu einer nachhaltigen Zerstörung von Infrastrukturen in der beruflichen Weiterbildung. Damit werden Innovationen verhindert und der Mangel an Fachkräften nimmt zu“, kritisiert Verdi-Vorstand Gerstenkorn.

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