Wirtschaft : Ein Feuerwerk für die Zukunft (Leitartikel)

Rainer Hank

Die Aktienmärkte sind von der Rolle. Schießen sie über das Ziel hinaus? Muss die Freude über die Gewinne bald der Angst vor einem Crash weichen? Und warum spiegelt sich die Dynamik nicht parallel in einer Besserung der Beschäftigung? Doch für Untergangsfantasien gibt es keinen Grund. Im Gegenteil: Börsianer handeln mit Erwartungen und Versprechen auf die Zukunft. Ihre Zuversicht ist in der Annahme gegründet, dass die Revolution der neuen Informationstechnologien auch in Europa bald Wachsttumsschübe auslösen könnte, die jene früherer technischer Innovationen um ein Vielfaches übertreffen werden. Das Kursfeuerwerk ist kein Vorbote einer Millenniums-Apokalypse.

Am vergangenen Freitag schloss der Dax zum vierten Mal in Folge auf einem Rekordstand. Schon gibt es Stimmen, die den Index im Verlauf des nächsten Jahres bei 7000 Punkten sehen. Auch die Kurse der meisten anderen europäischen Börsen haben in den vergangenen Tagen an Tempo zugelegt. Wie immer orientieren sich die Europäer an positiven Vorgaben aus den Vereinigten Staaten. Dort springt der Nasdaq-Index, an dem die Aktien vieler junger Unternehmen notiert sind, von einem Hoch zum anderen. Längst hat sich die Geschwindigkeit solcher Höhenflüge von den fundamentalen Daten der Firmen verabschiedet. Längst sind die Kurs-Gewinn-Verhältnisse, mit denen der Einfluss der Ertragskraft eines Unternehmens auf den Kurs seiner Aktien angezeigt wird, ins Taumeln geraten.

Doch warum über Irrationalismen klagen? Dem Anleger könnte die Wertsteigerung recht sein, müsste er nicht wähnen, dass in Wall Street bald eine große Blase der Spekulation platzt. Den Finanzmärkten irrationale Neigung zu unterstellen, ist kein Sakrileg mehr, seit Alan Greenspan, Chef der amerikanischen Zentralbank, vor drei Jahren sein berühmtes Wort von den "irrationalen Übertreibungen" fallen ließ. Selbst die Wirtschaftswissenschaft hat ihr eindimensionales Bild des Homo Oeconomicus korrigiert: Wenn es ums Geld geht, lassen die Menschen sich nicht ausschließlich von strenger Rationalität leiten. Die letzten Zinsschritte der amerikanischen Notenbank waren - von dieser Angst gezeichnet - der Versuch, die überhitzte Börsenwelt zu einer sanften Landung zu bewegen. Der Höhenflug des Dow Jones wurde nicht gebremst. Mehr noch: Die Politik der Notenbank bestärkte das Vertrauen der Anleger.

Auslöser dieses tiefen Optimismus sind zweifellos die umwälzenden Erfindungen von Internet und Informationstechnologie. Die Technik hat den Weg zum Markt gefunden. Die Börsen glauben, dass wir davon bislang erst den Anfang wahrnehmen. Ein Wachstumsprozess ist in Gang gekommen, ohne dass die Gefahr realer Überhitzung bestünde: Amerika hat Vollbeschäftigung, aber die Kapazitätsauslastung seiner Wirtschaft ist noch nicht erreicht; die Inflation scheint tot. Die Arbeitsproduktivität der USA dümpelte über 30 Jahre lang bei sehr geringen Werten. Wenn sie sich seit Mitte der neunziger Jahre enorm gesteigert hat, so beruht dies ausschließlich auf einem Zugewinn bei der Computertechnik.

Während sich das Wachstumstempo in den Vereinigten Staaten bald verlangsamen dürfte, schließen die Börsen auf erhebliches Potential in Europa. Viele Unternehmen haben ihre Hausaufgaben gemacht: Das spiegelt sich im Aufwind der Siemens- oder der SAP-Aktien in den vergangenen Wochen. Man sollte sich freilich nichts vormachen: Ob dieses Wachstum am desolaten Arbeitsmarkt hierzulande vorbei geht, ist keine Frage der Finanzmärkte, sondern struktureller Reformen. Man sollte den Börsen nicht vorwerfen, dass sie den Personalabbau der Unternehmen bei Restrukturierungen honorieren, drückt sich darin doch die Hoffnung auf späteren Effzienzgewinn und Wachstumserfolg aus. Die richtige Konsequenz aus dieser Zumutung heißt: Weniger um den Verlust als um das Entstehen neuer Arbeit müssen wir uns kümmern. Und deren Preis muss für die Unternehmen so attraktiv bleiben, dass sie Arbeit nicht noch mehr durch Kapital ersetzen. Erst wenn dies in Europa gelingt, wird aus dem Triumph der Börsen ein Erfolg für die Arbeits- und Lebenswelt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben