Wirtschaft : Ein ganz armer Patient

Gerwin Klinger

Herbert Sommer (Name geändert) hat Schulden: fast 700 000 Mark bei der Berliner Sparkasse, rund eine Million Mark bei privaten Gläubigern. Herbert Sommer hat an der Börse spekuliert und beinahe alles verloren. Die Berliner Sparkasse hat ihm für seine Geschäfte Kredit gegeben und, als der Depotwert immer weiter sank, den Kredit gekündigt.

Herbert Sommer hat seine Wohnung als Sicherheit gegeben. Hier ist ihm die Sparkasse entgegengekommen. Die Wohnung wird nicht zwangsversteigert, er darf sie alleine verkaufen. Auch darüber hinaus ist ihm das Kreditinstitut ein wenig entgegengekommen. Über die Details hüllt sich die Sparkasse in Schweigen - eine Stellungnahme ihres Pressesprechers zur Praxis der Wertpapierkreditvergabe war auf Anfrage nicht zu erhalten. In diesem Falle schützt das Bankgeheimnis nicht nur den Kunden sondern auch das Kreditinstitut.

Aber als bloßes Opfer der Sparkasse, die ihn erst mit Krediten munitionierte und dann fallen ließ, mag sich Sommer nicht sehen. Solche Vorstellungen bedrohen sein Selbstbild als Macher. Wenn er von seinem Sturz aus den geordneten Verhältnissen berichtet, notiert er Zahlen, verbindet Punkte zu Geraden und Kurven - als wolle er die exakte Fallhöhe ermitteln. Anfang der 80er Jahre hat der Elektroingenieur in West-Berlin alternative Energieprojekte durchgekämpft, später dann, in seiner Familienphase, ein Büro als beratender Ingenieur aufgebaut. Ein umsichtiger und ehrgeiziger Mann, darauf bedacht, mehrere Optionen zu haben. Heute ist der Betrieb ruiniert, er selbst hoch verschuldet. Kein Einzelfall, eines von vielen Opfern der Börsen-Rallye. "Verkrachte Existenzen", für die sich niemand interessiert. Wer wollte auch sympathisieren mit "gierigen Spekulanten", die selbst verschuldet in Not geraten sind - freilich in einer aktienfiebrigen Zeit, als "Broker" in Deutschland fast ein Ehrentitel war.

Den Gedanken, nur in der Herde mitgelaufen zu sein, lehnt Herbert Sommer ab. Jedenfalls nicht ohne Stolz betont er, dass er seine ersten Aktien bereits erwarb lange bevor die Deutschen zur Werte- und Wettgemeinschaft wurden. Im Frühjahr 1998 hatte er Apple-Anteile gekauft, gegen den Trend: Er war informiert und überzeugt, dass Firmengründer Steve Jobs ein erfolgreiches Relaunch hinlegt. Aus den anfänglichen 40 000 Mark sind vier Monate später beim Aktienverkauf 100 000 Mark geworden. Damit ist er "am Haken". Es beginnt, unmerklich für ihn selbst, die Verwandlung des umsichtigen Ingenieurs zum Spekulanten. Die Tür ist aufgestoßen zum Casino Global, wo jene Werte, die menschliche Arbeit geschaffen hat, ein spielerisches Eigenleben zu führen scheinen, als Aktien, Derivate, Kurven und Trendkanäle: operative Fiktion und beinharte Realität zugleich. Sein erster Gewinn tröstet ihn für den Frust über sein Ingenieurbüro, das seit drei Jahren in der Berliner Wirtschaftsflaute dümpelt. Er beginnt, parallel zum Beratungsgeschäft - gelegentlich - über einen Online-Broker Aktien zu handeln. Setzt 200 000 Mark ein, seine ganzen Barmittel, kauft Dax-Werte und stürzt in zwei Monaten auf 80 000 Mark.

Viele hätten nach der 20 000 Mark teuren Lehre die Finger von Aktien gelassen; für Sommer, den Steher, ist der Flop die Initiation zum "hochspekulativen Halbtagsbroker". Ihm ist klar, dass "diese Aktien die Einstiegskurse lange nicht wieder sehen. Um den Einsatz zurückzubekommen, brauche ich Firmen, die jetzt 100 Prozent plus machen."

Interesse für Startups

Am Neuen Markt findet er Aspiranten: EM.TV, Brokat, Mobilcom. Sich selbst hält er keineswegs für einen Spekulanten, sondern für einen New-Economy-Kenner: "Mein Interesse galt nicht der Börse, sondern den Startups. Schon vom Beruf her beschäftigte ich mich mit Netz- und Vertriebsstrukturen. Es war das spannende Gefühl, eine neue Zeit bricht an!" Mit seinen neuen "Lieblingen" hat er Glück, macht rund 400 Prozent Gewinn, "weil ich immer tief gekauft, dann hoch verkauft habe. Habe jede Zacke im Kurs mitgenommen, sogar vom Urlaubshotel aus geordert." März 1999, nach einem halben Jahr, erlöst er 300 000 Mark.

Der Börsen-Gewinn wird zum magischen Symbol für Erfolg und Lebensglück. "Der Betrieb lief nicht mehr richtig; meine Frau zweifelte an mir. Ich beweise ihr, dass ich das Ganze im Griff habe. Herbert, am Ende des Jahres hast Du eine Million auf dem Konto!" Seinen Betrieb lässt er einschlafen. Er geht, um Kursspitzen realisieren zu können, zum Intraday-Handel über, wo Kauf und Verkauf am selben Tag erfolgen. Ab und zu nutzt er den Wertpapierkredit, den ihm sein Online-Broker einräumt. Bei einem Depot von 800 000 Mark angekommen, wechselt er zur Berliner Sparkasse, die größere Kreditlinien und Zugang zum New Yorker Nasdaq bietet. So werden aus 800 000 Mark bis Ende 1999 rund 1,2 Millionen Mark. "Ich wollte die Kritik meiner Frau mit einer Million ersticken. Es war Weihnachten, wir waren verreist. Am 29. Dezember habe ich auf einem Zebrastreifen per Telefon mit dem letzten Aktienverkauf 500 000 Mark realisiert, um die Million voll zu machen."

Der Moment des Triumphes

Bingo! Seine Analysen auf das Wunderbarste bestätigt, von der höchsten Autorität, vom Markt selbst. Dieser Moment des Triumphes ist wohl entscheidend gewesen: Damals verliert er die Realitätskontrolle, die Tür des virtuellen Casino Global schließt sich hinter ihm. Nicht mehr er hat die Kurse im Griff, sondern sie ihn. Konkrete Ziele leiten sein Handeln längst nicht mehr, vom Gewinn kauft er sich nichts. Er schwelgt nicht im Luxus, legt seiner Frau die Million nicht zu Füßen. Verdreifachen, Vierfachen, Versechsfachen! Am ersten Handelstag des neuen Jahres hat er das ganze Geld bereits wieder investiert, zudem den Wertpapierkredit voll ausgeschöpft. Der liegt - ungewöhnlich hoch - beim 1,5-fachen der Eigenmittel. Die betragen nun bei einem Depotwert von 5,2 Millionen Mark nur etwa 2 Millionen Mark: Die Sparkasse gewährt ihm einen Kredit von 3,16 Millionen Mark.

Jetzt will er sechs Millionen

Den Broker Sommer interessiert das nicht. Sein neues Ziel ist ein utopisches Arkadien: "Meeresrauschen mit Hotel, ein offenes Haus für Freunde - und ich besorge den Garten. Die nötigen sechs Millionen Mark zu erzeugen, ist für mich ein Leichtes." Um zur Realisierung dieses Fernziels seine Million zu versechsfachen, muß er die Handelsfrequenz weiter erhöhen. "Die Anforderung an die Feinjustierung wuchs immens. Erst habe ich nur mit den Tageswerten kalkuliert, später schon mit den Vormittagswerten. Ich war fast nur noch an der hochspekulativen Nasdaq aktiv."

Harte Börsianer-Arbeit: Noch heute hängen Chartanalysen an der Bürowand, Trendkanäle, Widerstands- und Unterstützungslinien. Zeugnisse des Versuchs, das chaotische Marktgeschehen als Ingenieur zu kalkulieren, die eigene Angst zu beherrschen.

Freunde geben 500 000 Mark

Es ist die Zeit, als der Neue Markt zum Rummelplatz der "Neuen Mitte" wird. Der Internet-Boom verwandelt biedere Sparer in agile Aktionäre. Über 12 Millionen Bundesbürger transferieren ihr Geld frohgemut vom Sparbuch an die Börse. Spätestens beim Espresso oder Grappa geht es um die lukrativsten Geldanlagen. Zufrieden lächelnd erzählt man von den einträglichen Expeditionen, auf die das Ersparte geschickt wurde. Deutschland ist "drin" in der Börse, parliert von Startups und träumt von ROI, dem Return of Investment. Mit der Bitte, es für sie "mindestens zu verdoppeln", erhält Sommer von Freunden 500 000 Mark. "Es ging ab wie eine Rakete. In meinen Berechnungen ging ich davon aus, dass die Blase bald platzen wird. Ich wollte nur noch die Spitze der Fahnenstange rasieren. Den Crash hatte ich mit den Quartalsberichten erwartet, genau am 15. April." Am 10. März 2000 bricht der Nemax-All-Share-Index ein, stürzt auf immer neue Tiefststände. Im Neuen Markt gehen etwa 400 Milliarden Mark verloren.

Der Abstieg beginnt

In drei Tagen hat Herbert Sommer 30 Prozent verloren; Panikverkäufe will er nicht mitmachen. Er wartet auf die "übliche Gegenreaktion" der Kurse. Doch die bleibt aus. "Am vierten Tag wusste ich: Jetzt bin ich im Arsch! Das ist keine Übertreibungskorrektur, das ist der Durchbruch nach unten." Der Wertpapierkredit schnappt zu wie ein Fangeisen. Auf dem halbierten Depotwert lastet jetzt ein Kredit von über drei Millionen Mark. Die Sparkasse droht das Konto zu liquidieren, falls kein "frisches Geld" kommt. Ein Freund schießt aus Angst vor Billigverkäufen 200 000 Mark nach. Über Monate strampelt Sommer im fallenden Markt. Mit bis zu vier Trades am Tag versucht er, von Kurszacke zu Kurszacke zu hüpfen, die Sparkasse im Nacken. Dort pocht man darauf, dass sein Depot nicht unter den Mindestwert 800 000 Mark fällt, und verlangt Sicherheiten. Auf seine Eigentumswohnungen, Gesamtwert 600 000 Mark, werden Hypotheken eingetragen. Wieder schießt er Gepumptes nach. Weihnachten lässt ein weiterer Kurssturz den Depotwert unter das Limit fallen. Der greise Vater gibt sein Erspartes. Dann sperrt die Sparkasse Sommers Konto, kündigt den Kredit.

Eine Lebensbilanz: aller Besitz verzockt, der Betrieb eingestellt, Ehe, Familie, Freundschaften schwer belastet; es droht soziale Degradierung, Verlust der Wohnung, der Gang zum Sozialamt. Wellen von Scham- und Schuldgefühlen, Angstattacken - kein Ausweg! Fantastische Fluchtideen. Selbstmordgedanken. Er reißt sich zusammen für den Gang nach Canossa: 700 000 Mark betragen die Schulden bei der Bank, eine Million Mark bei privaten Gläubigern. Soll er der Sparkasse mit eine Beschwerde drohen? Bei dem hohen Wertpapierkredit hat sie seiner Ansicht nach ihre Aufklärungspflichten verletzt; so ließe sich vielleicht ein Stillhalteabkommen, die Aufhebung der Kontosperre erreichen, er könnte weiter "arbeiten" - an der Börse. Sommer entschließt sich zur kampflosen Unterwerfung, hofft auf Entgegenkommen. Wenigstens die Wohnung, in der er mit seiner Frau und zwei Kindern lebt, möge ihm vorerst gelassen werden. Zeit möchte er, um beruflich wieder auf die Beine zu kommen! Da lächeln die Sparkassen-Mitarbeiter. "Viel eher hätten wir bei Ihnen die Reißleine ziehen müssen!" Sie reichen ihm Kaffee und Kekse. Seine Wohnungen möge er selbst verkaufen, sagen sie ihm, im Freihand-Verfahren - des besseren Erlöses wegen.

Die Reißleine gezogen

Der Zug an der "Reißleine" öffnet die Falltür der Börsensaals unter Herbert Sommer. Von der Qualität seiner Kursprognosen ist er heute noch überzeugt, nur die "Langzeitanalyse", sagt er, müsse besser werden. Die Sparkasse immerhin hat inzwischen ihre Forderungen reduziert, wenn er zügig zahlt. Eine Fürsorgeanwandlung, vielleicht; möglicherweise ein Ausläufer des Desasters bei der Bankgesellschaft Berlin. Auch bei der Konzernmutter der Sparkasse, wurde - ungleich später - die Reißleine gezogen, in den Kreditabteilungen laufen Aufräumarbeiten. Da macht sich Bares besser als ein Schuldenverfahren mit hoher Risiko-Bewertung. Allein an seinen Transaktionen, schätzt Herbert Sommer, hat die Sparkasse 400 000 Mark verdient.

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