Wirtschaft : "Ein ganz normaler Staatsbesuch" läßt keine großen Vertragsabschlüsse erwarten

Harald Maass

Wenn früher westliche Spitzenpolitiker nach China reisten, konnten sie gewiss sein, mit vollen Koffern nach Hause zu fliegen: Ob Milliardenaufträge für Flugzeuge oder Verträge über Großinvestitionen - die Reise nach China lohnte sich. Die Zeiten haben sich geändert: Am Dienstagabend startet Bundeskanzler Gerhard Schröder im Anschluss an seine Japan-Visite seinen dreitägigen Staatsbesuch in Shanghai und Peking. Obwohl 40 führende Wirtschaftsbosse ihn begleiten, wird diesmal kein einziger Vertragsabschluss unterschrieben.

Was man auf den ersten Blick als mangelnden Erfolg werten könnte, wird von vielen deutschen Unternehmern als Fortschritt gelobt. Während früher oft die politischen Beziehungen den Ausschlag über eine Großinvestition in China gaben, entscheiden heute mehr und mehr die Zahlen. Ein Beispiel ist das geplante Fünf-Milliarden-Mark-Gemeinschaftsunternehmen der BASF in Nanjing. Weil es noch Unstimmigkeiten über Zulieferpreise gibt, lässt Ludwigshafen trotz des Kanzlerbesuchs weiter verhandeln. "Es ist ein Zeichen der Normalisierung", sagt der Delegierte der deutschen Wirtschaft in Peking, Jörg Rudolph.

Die deutschen Unternehmer erhoffen sich dennoch einiges von dem Kanzlerbesuch. Deutschland ist mit einem Handelsvolumen von 33,9 Milliarden Mark (1998) Chinas sechstgrößter Handelspartner. Allerdings übersteigen die Importe aus China mit einem Volumen von zuletzt 22,1 Milliarden Mark die deutschen Ausfuhren von 11,7 Milliarden Mark noch immer um das Doppelte. Vor allem im Konsumgüterbereich will Deutschland die Exporte nach China deutlich ausweiten.

Eine der erfolgreicheren deutschen Unternehmungen im Reich der Mitte wird Schröder in Shanghai besuchen. Seit 1985 produziert Volkswagen in der Hafenstadt zusammen mit einem chinesischen Partner das Pkw-Modell Santana. In einem zweiten Joint Venture in der nördlichen Industriemetropole Changchun stellen die Wolfsburger den Audi und Jetta her. Der frühe Start in China hat sich für VW gelohnt: Mehr als 300 000 VW- und Audimodelle liefen im vergangenen Jahr vom Band. Das Unternehmen hat damit in China einen Marktanteil von 55 Prozent.

Die meisten anderen deutschen Investoren können von solchen Zahlen nur schwärmen. Viele Joint Ventures mit deutscher Beteiligung, die seit der Marktöffnung in China 1979 eröffnet wurden, haben die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllt. "Es gibt einfach noch zu viele bürokratische Handelshemmnisse", sagt Rudolph. Viele Unternehmen würden über die hohen chinesischen Einfuhrzölle klagen. Korruption und Behördenwillkür verzögern Produktionsabkommen. Vor allem mittelständische Unternehmen würde dies vor "enorme Probleme" stellen, weiß Rudolph.

Ein Beispiel, wie schwierig die Zusammenarbeit zwischen ausländischen Investoren und chinesischen Beamten ist, zeigt das Tauziehen um die deutsche Auslandshandelskammer. Nach jahrelangen Verhandlungen wird die Kammer nun endlich am Freitag von Wirtschaftsminister Werner Müller in Peking eröffnet. Doch zufrieden sind die deutschen Kaufleute nicht: Joint Ventures, die den größten Anteil der deutschen Investitionen in China ausmachen, dürfen in der Kammer nicht Mitglied werden.

In seinen Gesprächen mit Staats- und Parteichef Jiang Zemin und dem für Wirtschaft zuständigen Premier Zhu Rongji wird Schröder versuchen, allgemeine Handelshindernisse abzubauen. Die Deutschen wollen China rascher in das internationale Wirtschaftssystem einbinden. Pekings Eintritt in die Welthandelsorganisation WTO, der bisher am Widerstand der USA scheiterte, wird von Berlin unterstützt. In Japan sprach Schröder von der Möglichkeit, Peking zudem in die Treffen der G-8-Staaten zu integrieren.

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