Wirtschaft : Ein Gefühl fürs Ganze

Mit Traineeprogrammen machen Firmen den Nachwuchs fit für Führungsaufgaben.

Michael Pöppl

Was tun nach der Uni? Für Gregor Spitzer, der 2011 seinen Abschluss bei den Politikwissenschaftlern der Universität Potsdam machte, war das keine Frage. Die Idee, ein Traineeprogramm bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) zu absolvieren, fand er faszinierend: „Ich bin gebürtiger Berliner und mit der BVG aufgewachsen. Die Firma gehört einfach zur Stadt. Schon als ich die Bewerbung schrieb, hatte ich ein gutes Gefühl.“ Spitzer begann im Oktober 2011 sein Traineeprogramm und wurde von Anfang an in den Arbeitsalltag der Kommunikationsabteilung einbezogen: Er schrieb Pressemitteilungen und bereitete Projekte und öffentliche Präsentationen für die Initiative „mehrwert Berlin“ vor, bei der 15 Berliner Landesunternehmen wirtschaftliche, ökologische und soziale Verantwortung für Berlin übernehmen.

Große Unternehmen wie die BVG setzen schon seit einigen Jahren auf ein- bis zweijährige Traineeprogramme, um gezielt Hochschulabsolventen anzuwerben und zu gut geschulten Führungskräften auszubilden. Mit fast 13 000 Mitarbeitern gehört die BVG zu den größten Arbeitgebern der Hauptstadt und beschäftigt im Moment elf Trainees in Bereichen wie Kommunikation, Controlling, Personalverwaltung oder als Ingenieure bei der Fahrzeugflotte. „Wir orientieren uns bei der Einstellung der Trainees nach dem betrieblichen Bedarf und klären mit den einzelnen Bereichen, für welche Stellen Führungsnachwuchs gesucht wird“, sagt Peggy Urbigkeit, die bei der BVG für die Einstellung und Betreuung der Trainees zuständig ist.

Neben den fachlichen Kenntnissen der Bewerber in ihren Studienfächern achtet sie bei der Einstellung auch auf Soft Skills wie Verantwortungsbewusstsein, Motivation und Teamfähigkeit. Zusammenarbeit sei enorm wichtig, so Urbigkeit: „Die Trainees lernen während des 18-monatigen Programms nicht nur verschiedene Bereiche in den jeweiligen Abteilungen kennen, sie sollen auch ein Gefühl für den Betrieb als Ganzes entwickeln.“ Beim monatlichen Jour fixe treffen sich deshalb die Trainees aus allen Abteilungen zum Erfahrungsaustausch.

Bei internen Praxistagen lernen sie auch Unternehmensbereiche kennen, mit denen sie im Alltag selten zu tun haben. „Ideal, um auch die Abteilungen kennenzulernen, von denen ich bisher nur gehört hatte“, sagt Gregor Spitzer. „Ich habe zum Beispiel mal einen Tag in der Leitstelle verbracht, wo alle Verkehrsbewegungen koordiniert werden, oder bin mit den Gleistrupps durch die U-Bahntunnel gelaufen.“

Viel Wert auf ein praxisnahes Traineeprogramm legt auch Christian Wilhelm, Leiter Personalberatung der Siemens AG in Berlin. „Unsere Trainees im Vertrieb und im Service durchlaufen in einem Jahr drei verschiedene Abteilungen. Wir stimmen den genauen Ablauf aber ganz individuell mit den Abteilungsleitern ab.“ Die Siemens-Trainees, vor allem Ingenieure, sollen während des Programms einen breiten Einblick in den Gesamtbetrieb gewinnen, wie Wilhelm betont.

Die weiterführende Ausbildung der Hochschulabsolventen ist für große Konzerne wie Siemens eine wichtige Investition in zukünftige Spitzenleute. Weiterbildung durch interne Seminare und abteilungsübergreifende Kommunikation helfen den Trainees, bereits während der Ausbildung eigene Netzwerke im Betrieb zu bilden. Von dieser innerbetrieblichen Kommunikation profitiert immer auch Siemens, weiß Wilhelm: „Eine gute Führungskraft kennt auch die anderen Betriebsbereiche und darf vor allem keinen Tunnelblick haben.“

Die meisten Trainees haben nach Ablauf der Programme sehr gute Chancen, innerhalb der ausbildenden Firmen Karriere zu machen. Obwohl die BVG als öffentlicher Betrieb jede neue Stelle ausschreiben muss, liegt die Übernahmequote bei den Absolventen der Traineeprogramme bei gut 90 Prozent, so Peggy Urbigkeit.

Manchmal allerdings entwickeln sich die Berufswege auch ganz anders, als geplant. Gregor Spitzer zum Beispiel wurde bereits nach knapp der Hälfte seines Traineeprogrammes bei der BVG übernommen; er hatte sich noch in der Ausbildungsphase für seinen Traumjob beworben. Der heute 31-jährige ist nun als persönlicher Mitarbeiter der Vorstandsvorsitzenden Sigrid Evelyn Nikutta tätig, der obersten BVG-Chefin. Und das ist vielleicht erst der Anfang. Michael Pöppl

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