Wirtschaft : Ein gelassener Blick nach Washington (Kommentar)

Jobst-Hinrich Wiskow

An diesem Dienstag blickt die ganze Welt nach Washington, um die Entscheidung der US-Notenbank zu verfolgen. Kaum jemand zweifelt daran, dass der geldpolitische Ausschuss der Bank unter Alan Greenspan die Zinsen etwas erhöht. Niemand dagegen kümmert sich in diesen Tagen sonderlich um Wim Duisenberg, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Dabei trifft sich der Zentralbankrat in Frankfurt nur zwei Tage nach der US-Notenbank.

Doch die Konjunktur in Euroland hat sich stabilisiert. Zugleich ist sie - im Unterschied zur amerikanischen - weit von einer Überhitzung entfernt. Der Aufschwung in Euroland und allen voran in Deutschland bringt kein Problem, er wird eher mit Erleichterung aufgenommen. Endlich geht es wieder aufwärts. Die meisten sehen auch die Wirtschaftspolitik inzwischen auf dem Weg der Besserung. Kein Grund zur Unruhe also - auch nicht aus den USA? Schließlich könnten höhere Zinsen in Amerika nicht allein die Wirtschaft dort dämpfen, sondern auch in Euroland.

Doch die Angst vor der schnellen Rückkehr der Rezession ist unbegründet. Jetzt nämlich zeigt sich die Stärke des Euro, der den alten Kontinent unabhängiger gemacht hat. Ein junger Beleg dafür ist die jüngste Erholung des Eurokurses zu einer Zeit, in der die Märkte zunehmend von höheren Zinsen in den USA ausgingen. Das sollte die Anlage dort attraktiver machen und den Kurs des Dollar stärken. Tat es aber nicht. Der Zinsunterschied allein konnte den Euro nicht stürzen. Schon gar nicht in Zeiten, in denen Euroland mit optimistischen Konjunkturzahlen aufwartet. So blicken die Europäer interessiert nach Washington, um zu sehen, ob die wichtigste Volkswirtschaft der Welt es schafft, der Inflation aus dem Weg zu gehen - mehr nicht. Nie zuvor haben die Europäer so gelassen und distanziert einem Zinsschritt in den USA zuschauen dürfen.

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