Wirtschaft : Ein Herz für Tiere und Menschen

ULRIKE MEIER

Die Mediport Biotechnik entwickelt Ersatzmethode für Tierversuche / Echtes Blut belebt OrganVON ULRIKE MEIER BERLIN.Das kleine Plastikherz verschwindet fast in einem Gewirr von Plastikschläuchen, Metallgestängen, Glasschalen und Pumpen.Alles zusammen ist an einen Computer angeschlossen, "für die Steuerung", erklärt Christian Große-Siestrup."Aber wer Computer nicht mag, kann auch alles per Hand einstellen, direkt hier an der Pumpe".Möglichst variabel soll das Gerät sein, nicht nur in der Bedienung sondern vor allem in der Zusammensetzung seiner Komponenten.Im Einsatz sind die Schläuche blutdurchflossen, das Plastikherz wird durch ein echtes Herz, eine Niere oder auch ein Bein ersetzt - vom Tier, geholt vom Schlachthof.Mit der "Perfusionsapparatur", die Große-Siestrup, Leiter der Tierexperimentellen Einrichtungen des Vierchow-Klinikums, in seinem Unternehmen Mediport Biotechnik GmbH immer weiter verfeinert, können in der Forschung Tierversuche ersetzt werden.Große-Siestrup beschäftigt sich schon seit längerem mit der Erforschung des Verfahrens.Die Gründungsidee kam allerdings eher überraschend auf dem Weg zwischen Bremen und Berlin, erinnert er sich, als sich ein alter Bekannter, Matthias Faensen, erbot bei Finanzierung und Geschäftsführung zu helfen.Große-Siestrup hat im Focus Mediport Unterschlupf gefunden.Das machte die Gründung für ihn einfach."Ich bin zur Sparkasse gegangen und hab mir das Kapital geliehen, das ich in die GmbH einbringen mußte.Dann konnten wir anfangen", sagt er lapidar.Zwar ist auch er Geschäftsführer, die kaufmännischen Aufgaben aber übernimmt Faensen, wie für andere kleine Unternehmen im Mediport auch."Wir passen das Produkt jetzt den Bedürfnissen des Marktes an", sagt Große-Siestrup.Das klingt wie eine gerade gelernte Formel.Um den Schlaf gebracht, hat ihn das Unternehmen bislang nicht."Ich habe ja weiter meine Stelle im öffentlichen Dienst.Wenn es hier schiefgeht, habe ich eben Geld verloren."Fünf wissenschaftliche Mitarbeiter sind fest bei der Mediport Biotechnik beschäftigt.Sie entwickeln die Perfusionsapparatur weiter, kümmern sich aber auch um eine zweite, spontane Idee von Große-Siestrup: Eine nur wenige Zentimeter lange Plastikhülle zum Infektionsschutz bei ständig offenen Wunden.Wird zum Beispiel ein komplizierter Knochenbruch von außen fixiert, bohren sich über Wochen Metallstangen durch die Haut bis zum Knochen.Mit der verblüffend einfachen Idee einer luftdicht abschließenden Plastikmanschette um die Stange, die gleichzeitig die Wunde abdeckt, kann die Infektionsgefahr erheblich verringert werden.Um die Perfusionsapparatur mit Organen zu versorgen ist allein eine Tierärztin für den Schlachthof abgestellt.Dort wählt sie unter den Schlachttieren die Spender aus, entnimmt die Organe und sorgt für den gekühlten Transport.Eine reibungslose und auf beiden Seiten engagierte Zusammenarbeit mit dem Schlachthof ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für seine Methode, betont Große-Siestrup.Mit dem Betrieb in Eberswalde klappt es derzeit "sehr gut".Getestet wird im Virchow-Klinikum.Eine Mischung aus Blut und Nährflüssigkeit durchströmt das Organ in der Apparatur.Arzneimittel können beigegeben und ihre Wirkung getestet werden.Es gibt ähnliche Techniken, bei denen das Organ nur durch Nährflüssigkeit am Arbeiten gehalten wird.Das allerdings sei "unbefriedigend", meint Große-Siestrup, weil die Aufnahme von Stoffen dabei anders sei, als wenn Blut im Spiel ist.Sechs bis 14 Stunden schlägt zur Zeit zum Beispiel ein Herz in dem künstlichen Kreislauf."Sehr eindrucksvoll, das zu sehen", ist Große-Siestrup jedesmal wieder angetan.Im März, ein Jahr nach der Gründung, soll die erste Perfusionsapparatur ausgeliefert werden.Die Pharmaindustrie steht ebenso auf der Liste potentieller Kunden wie Forschungseinrichtungen und vor allem die Lehre.Bislang ist die Methode nur an Schweinebeinen bis zum Schluß erprobt, "validiert".Für das Herz und andere Organe steht der letzte wissenschaftliche Nachweis noch aus.Auch ist bislang noch nicht ganz geklärt, ob nur die Geräte oder später auch die Methoden verkauft werden sollen.Einen Verkauf an die Industrie kann sich Faensen zumindest nicht vorstellen, allenfalls an die Forschung.Zunächst aber sollen die Apparaturen, die ohnehin in kleiner Stückzahl nachgefragt werden, im Focus Mediport montiert werden.Damit ist auch die Rückkopplung zwischen Produktion und Entwicklung einfacher, sagt Faensen.Und schließlich will auch Große-Siestrup seine Methode frühestens "dann aus der Hand geben, wenn sie richtig gut ist".

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