Wirtschaft : Ein Imperium aus Stahl

Der Inder Lakshmi Mittal mischt die Branche auf – auch in Deutschland

Dieter Fockenbrock

Berlin - Bis vor wenigen Tagen kannten ihn fast nur die Experten aus der Stahlbranche – und der Londoner Jet-Set. Jetzt kennt ihn die ganze Welt: Denn Lakshmi Mittal schmiedet den größten Stahlkonzern. Durch die Fusion mit der US-amerikanischen International Steel Group (ISG) entsteht ein neuer Weltmarktführer, der mit einer theoretischen Produktionskapazität von 70 Millionen Jahrestonnen in 14 Ländern selbst den bisherigen Branchenersten Arcelor aus Luxemburg weit in den Schatten stellt.

So unerwartet diese 4,5 Milliarden Dollar schwere Übernahme ist, so ungewöhnlich ist auch ihr Initiator Mittal. Der gebürtige Inder, der in London eine Art Palast bewohnt und für seine prunkvollen Parties bekannt ist, scheut normalerweise die Öffentlichkeit. Dabei kauft der 54-Jährige seit Jahren systematisch Stahlwerke in aller Welt auf. Vor allem in Asien und Osteuropa. Zumeist sind es Sanierungsfälle. Die trimmt der in London lebende Milliardär Mittal auf Rentabilität. In der Branche genießt er einen guten Ruf als erfolgreicher, zuverlässiger, aber harter Geschäftspartner.

Auch in Deutschland hat der fleißige Firmenaufkäufer bereits zugeschlagen. Zum Stahlreich des Inders zählen die Hamburger Stahlwerke sowie zwei ehemalige Thyssen-Unternehmen in Duisburg. Insgesamt beschäftigt Mittal fast 1700 Mitarbeiter unter der Führung seiner Beteiligungsgesellschaft Ispat Deutschland. Gemessen an der Gesamtbelegschaft des neuen indisch-amerikanischen Stahlgiganten von 160 000 Mitarbeitern ist das allerdings wenig.

Der Zusammenschluss könnte auch die Expansionspläne des deutschen Stahlkonzerns Thyssen-Krupp beschleunigen. Geprüft wird nicht nur der Bau eines neuen Stahlwerks in Südamerika. Auch der Einstieg bei einem Konkurrenten aus Europa steht auf der Liste.

Mittals Vater hatte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts die Ispat-Stahlwerke im indischen Radjasthan gegründet. Sohn Lakshmi stieg schon früh in den schnell wachsenden Konzern ein, neue Stahlwerke in Kalkutta und Bangalore wurden aufgebaut. Und in den 70er Jahren expandierte das Familienunternehmen über die Staatsgrenzen hinaus. Zuerst nach Indonesien, später bis nach Trinidad in die Karibik. Mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa sah Mittel junior seine Stunde gekommen. Er kaufte marode Stahlwerke aus Staatshand in Kasachstan, Rumänien, Polen oder Tschechien auf. Seine bislang erfolgreiche Strategie wird von Experten so beschrieben: Mittal konzentriert sich auf die höherwertigen Stahlprodukte und setzt dabei auf kleine und mittlere Stahlwerke.

Mit dem Großaktionär von International Steel, Wilbur Ross (66), hat er nun einen Strategen gefunden, der ähnliche Ziele verfolgt, der vor allem aber dieselbe Idee in den Vereinigten Staaten hatte. Beide spekulieren auf die enormen Chancen bei bankrotten oder schwer angeschlagenen Stahlunternehmen, die keiner haben wollte und die sie deshalb oft zu Schnäppchenpreisen kaufen konnten. Mittal nutzte den jahrelang schwachen Stahlmarkt in Asien, Afrika und Europa aus, um billig einzukaufen. Ross machte Vergleichbares in den USA.

Erst der wirtschaftliche Aufschwung in Indien und China hat dem Stahlmarkt seit etwa zwei Jahren zu einer neuen Blüte verholfen. Seitdem steigen die Stahlpreise so rasant, dass die Stahlhersteller zwar prächtig verdienen, die Stahlverbraucher aber unter den wachsenden Kosten stark leiden.

Mittal will jetzt seine beiden großen Firmen Ispat International mit Sitz in den Niederlanden und LNM Holdings in London zusammenlegen und schluckt dann die von Ross seit 2002 zusammengekaufte ISG. Der neue Stahlriese Mittal Steel kommt auf einen Jahresumsatz von 31,5 Milliarden Dollar (24,6 Milliarden Euro). Ross hatte mit seiner Investmentfirma WL Ross & Company die Stahlwerke der insolventen Stahlkonzerne LTV, Bethlehem Steel, Weirton, Acme und Georgetown aufgekauft und fasste sie zur ISG zusammen. Die ISG brachte er dann im Dezember 2003 an die Börse. Jetzt kassieren Ross und seine Mitinvestoren kräftig ab. Denn sie haben selber nur 2,2 Milliarden Dollar für die Firmen bezahlt und bekommen jetzt 4,5 Milliarden Dollar.

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