Wirtschaft : Ein Ingenieur aus Brasilien für die WTO Roberto Azevedo leitet die Welthandelsorganisation

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Seit 12 JahrenFoto: AFP

Genf - Schwere Ledermöbel, holzgetäfelte Wände und ein grandioser Ausblick auf den Genfer See sowie den Mont Blanc: Die Welthandelsorganisation bietet ihrem Generaldirektor eine Arbeitsstätte mit gediegenem Komfort. Am heutigen Montag wird der Brasilianer Roberto Azevedo von dem Chefzimmer aus die Führung der WTO übernehmen. Doch lange kann der 56 Jahre alte Karrierediplomat die Annehmlichkeiten seines neuen Büros nicht genießen. Denn Azevedo rückt in einer heiklen Phase an die WTO-Spitze: Die mächtigsten Mitglieder der Organisation, die USA, die EU, Indien, China und Azevedos Heimatland Brasilien liegen im Clinch: In der 2001 mit lauten Fanfaren in Doha, Katar, gestarteten Welthandelsrunde streiten sie über die Öffnung der Märkte – bislang ohne Ergebnis.

Gerade Exportnationen wie Deutschland würden von einem Abbau der Zölle, Kontingente und Subventionen stark profitieren. Die deutsche Wirtschaft drängt seit langem auf einen erfolgreichen Abschluss der Gespräche. Die Runde ist das zentrale Projekt der WTO. Falls die Verhandlungen im Sande verlaufen, wäre das ein Novum. Bislang führten die Handelsmächte alle acht Liberalisierungsrunden seit dem zweiten Weltkrieg erfolgreich zu Ende. Azevedo beschreibt die Lage so: „Die WTO war immer der Motor der Handelsliberalisierung. Doch jetzt läuft der Motor nicht mehr.“

Azevedo will die Maschine wieder zünden. Wie er das genau machen will, verriet der spröde wirkende Ingenieur allerdings noch nicht. Seit seiner Wahl als Nachfolger des Franzosen Pascal Lamy im Mai hielt sich Azevedo mit öffentlichen Äußerungen zurück. Der Latino weiß, dass er als Generaldirektor der WTO den 159 Mitgliedern keine Weisungen geben kann. Er darf vor allem nicht die großen Länder und Blöcke verprellen. Azevedo kann aber durch Vorschläge wieder Schwung in die Liberalisierungsverhandlungen bringen.

Bei der Formulierung neuer Initiativen vertraut der Brasilianer auf seine Erfahrung. Die vergangenen 17 Jahre befasste er sich auf unterschiedlichen Regierungspositionen mit der WTO. Dabei lernte er die Mechanik der 1995 gegründeten Institution kennen. „Falls man das System nicht versteht, macht man kostspielige Fehler“, erläutert er. Allerdings musste Azevedo auch Vorwürfe parieren: Am lautesten ertönte die Kritik aus westlichen Ländern, er fördere nicht energisch genug den Freihandel. Er habe protektionistische Regelungen seines Heimatlandes unterstützt. Azevedo widerspricht: „Nein, ich bin kein Protektionist.“

Inzwischen sind die Skeptiker verstummt und die wichtigsten WTO-Mitglieder loben den neuen Mann. Die US- Regierung betont, man „freue sich auf die Zusammenarbeit“. EU-Handelskommissar Karel de Gucht hebt die Kenntnisse des Brasilianers hervor. Schon bald muss er zeigen, was er kann: Die zerstrittenen WTO-Mitglieder treffen sich im Dezember auf der Ferieninsel Bali zur 9. Ministerkonferenz. Für Azevedo wird es kein Urlaubstrip. Jan Dirk Herbermann

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