Wirtschaft : Ein Kämpfer für den Finanzplatz Frankfurt

ROLF OBERTREIS (MAIN)

FRANKFURT .Als einer der heißen Anwärter auf den Chefsessel der Bundesbank galt Ernst Welteke schon seit dem Amtsantritt der neuen Bundesregierung.Mit Hans Eichel an der Spitze des Finanzministeriums in Bonn dürften die Würfel allerdings zugunsten des Präsidenten der hessischen Landeszentralbank gefallen sein.Nur wenige Beobachter zweifeln daran, daß Welteke am 1.September die Nachfolge von Bundesbank-Präsident Hans Tietmeyer antritt.Eichel und Welteke gehören beide der SPD an, beide stammen aus Nordhessen, vor allem aber saßen beide vier Jahre lang - von 1991 bis 1995 - gemeinsam in der hessischen Landesregierung: Eichel als Ministerpräsident, Welteke als zunächst als Wirtschafts-, dann als Finanzminister, bevor er am 1.Mai 1995 an die Spitze der Landeszentralbank rückte.Eichel und Welteke haben dabei immer an einem Strang gezogen, über Diskrepanzen ist nichts bekannt.

Welteke, am 21.August 1942 im nordhessischen Korbach geboren, genießt auch bei den Banken in Frankfurt beträchtliches Ansehen.Auch wenn er nicht unbedingt in das traditionelle Bild eines Bankers paßt: Gelernter Landmaschinenmechaniker, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Diplom-Volkswirt, Werkstudent, seit 1959 Gewerkschafts-, seit 1964 SPD-Mitglied.21 Jahre saß Welteke im hessischen Landtag.Aber der hochgewachsene Nordhesse hat sich in Frankfurt aus mehreren Gründen Respekt und Ansehen verschafft: In der Geldpolitik vertritt er klare Positionen, nie hat er Zweifel an der Stabilitätsorientierung der Bundesbank gelassen.Wobei er immer für den Blick der Notenbanker über den Tellerrand hinaus auf die allgemeine Lage der Konjunktur plädiert.Zum anderen macht sich Welteke unverdrossen für die Stärkung des Finanzplatzes Deutschland und vor allem von Frankfurt stark.Derzeit trommelt er für die Übersiedlung des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen von Berlin in die Bankenstadt Frankfurt, wo bereits die Wertpapieraufsicht etabliert ist.

Die Rolle des Bundesbankers füllt Welteke nicht unbedingt konventionell aus.Nicht weil sein Umgangston unkompliziert und offen ist.Er stößt Diskussionen ganz bewußt an, auch wenn andere in der Bundesbank meinen, man solle sich noch zurückhalten.Im Januar machte sich Welteke laut Gedanken über die künftige Struktur und die Größe der Bundesbank, die nach der Übertragung ihrer Kompetenz an die Europäische Zentralbank (EZB) verstärkt aufkommt.Nicht weil er andere Vorstellungen hat als seine Kollegen, er will, daß die Bundesbank die Diskussion bestimmt.Bis zur Einführung des Euro-Bargeldes komme auf die Bundesbank zwar noch sehr viel Arbeit zu."Danach aber kann es bei der Struktur nicht bleiben".Welteke denkt öffentlich weit über die Geldpolitik hinaus, er weiß, daß die Notenbanker auch politische Verantwortung tragen.Im Januar kritisierte er die Unterschriftenaktion der CDU gegen die doppelte Staatsbürgerschaft.Das sei schädlich für die Stadt, in der die Europäische Zentralbank mit vielen Mitarbeitern aus allen EU-Staaten ihren Sitz habe.EZB-Präsident Wim Duisenberg und die Vertreter der Auslandsbanken äußerten sich ähnlich.

Auch wenn Welteke die neue Bundesregierung schon mal in Schutz nimmt, ein Erfüllungsgehilfe des Kanzlers oder des Bundesfinanzministers ist er wahrlich nicht.Als links oder rechts, kann man ihn nicht einstufen, eher als pragmatisch-realistisch.Der 56jährige gilt als überzeugter Währungs- und Stabilitätspolitiker, der sich an der Sache und nicht an politischen Strömungen orientiert.Im übrigen: Welteke kann angesichts des Kompetenzverlustes der Bundesbank nicht mehr so viel bewegen wie sein Vorgänger.Aber als deutscher Vertreter im Rat der EZB spielt auch der künftige Bundesbankpräsident immer noch eine ganz wichtige Rolle.Welteke würde sie gut ausfüllen.

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