Wirtschaft : Ein Koch für alle Fälle

Wer keine Lust hat, sich an den Herd zu stellen, kann jemanden mieten. Das muss nicht teuer sein

Yasmin El-Sharif

Berlin - Die Kisten, die Dirk Raddatz heute schleppen muss, sind schwer. Er trägt Töpfe, Pfannen und Lebensmittel in großen Wannen in das Haus in Berlin-Falkensee. Raddatz ist Koch. Genauer gesagt ein Mietkoch. Der 34-Jährige hat viel zu tun in diesen Tagen. Eine Feier folgt der nächsten. Betriebsfeste mit 200 Personen, Weihnachtsfeiern, Silvester, Geburtstage oder Candlelight-Dinner zu zweit – Raddatz nimmt Aufträge der unterschiedlichsten Sorte an. Aber egal, wo er ist, eines macht er immer gleich: Nach jeder Veranstaltung spült er ab und lässt alles blitzblank zurück.

Schon früh wollte der gebürtige Berliner, der in einem Restaurant in Köpenick ausgebildet wurde und später in vielen Betrieben der Stadt arbeitete, auf eigenen Beinen stehen. „Mir wurde immer und überall so schnell langweilig“, sagt der schmächtige Pankower. „Ich habe nur lange darüber nachgedacht, wie ich ein Gewerbe gründen kann, ohne eine riesige Summe Kapital mitbringen zu müssen.“ Heute betreibt er seinen Service mit dem schlichten Namen „Mietkoch Berlin“. Unter diesem Begriff findet man ihn schnell im Internet. So kamen auch die heutigen Kunden in Falkensee auf ihn. Der Auftrag: Raddatz soll für neun Leute ein Vier-Gänge- Menü kochen. Gastgeber Thomas Truckenbrodt hat Geburtstag.

Bevor Raddatz dort auftaucht, hat er schon einen langen Arbeitstag hinter sich. Früh morgens war er im Feinschmeckerladen einkaufen, um die frischesten Lebensmittel zu ergattern. Nachmittags stand er dann in seiner gemieteten Großküche und schnippelte schon mal das Gemüse für den Abend vor. Jetzt aber ist er startklar für das Ereignis. In seiner weißen Kochuniform, die kurzen, blonden Haare mit Gel frisiert, räumt er in der Küche der Gastgeber die einzelnen Zutaten aus den Kisten, platziert die Teller und wärmt den Herd vor. Er wirkt konzentriert, aber nicht angespannt. Er kennt sich aus – mit Menschen, mit neuen Situationen und vor allem mit fremden Küchen. Die Nervosität vor solchen Einsätzen hat er schon lange verloren. „Ich plane alles sehr genau“, sagt Raddatz.

Wenn er eine Anfrage bekommt, lässt er sich immer erst einen Termin bei den Gastgebern geben. „Es ist wichtig, sich kennenzulernen, um Vertrauen aufzubauen“, erklärt Raddatz. „Immerhin koche ich in Privatwohnungen. Und auch ich muss sehen, ob ich in der Küche für meine Sachen genug Platz habe.“ Bei diesen Terminen wird dann auch das Menü besprochen. „Ich bringe einige Vorschläge mit", sagt Raddatz. Die Kunden suchen sich dann meist etwas zusammen. Momentan ist Lammrücken der Renner.“ Bei den Truckenbrodts in Falkensee gibt es als Vorspeise ein Schaumsüppchen aus Waldpilzen. Raddatz erhitzt die Suppe, hebt aufgeschlagene Sahne unter und füllt sie um. Vier Teller, sechs, neun – geschafft. Nach wenigen Minuten steht die Suppe auf dem Esszimmertisch. Raddatz hat einen Kollegen mitgebracht, der heute das Essen serviert und das Schmutzgeschirr wieder abräumt.

Die Gäste und der Gastgeber unterhalten sich, in der Küche bereitet der Koch den zweiten Gang vor: Meerbarbenfilet in Limonen-Lobsterbutter gebraten. Der frische Zitronenduft zieht schon ins Esszimmer. Flink stellt Raddatz die einzelnen Teller zusammen, garniert sie mit einigen Salatblättern und schon ist die zweite Runde geschafft. Die Gäste sind begeistert. Besonders der Hauptgang, löst Entzücken aus. Denn Raddatz hat eine kleine Überraschung: Neben dem tranchierten Hirschrücken schimmert das Salatbouquet im Kerzenlicht. Denn im Dressing schwimmt 24-karätiges Blattgold. „Traumhaft schön“, sagt Gastgeber Truckenbrodt.

Nun wird die Orangensabayone als Nachtisch vorbereitet. Die ist aufwändig, weil Raddatz sie noch mit einem kleinen Gasbrenner flammbieren muss. Doch wo andere ins Schwitzen kommen, bleibt er ganz locker. Und so wird auch das Dessert zum Erfolg. „Wir sind begeistert“, sagt Truckenbrodt. „Alles passt, und es ist nicht einmal teurer als im Restaurant.“

40 Euro kostet das Menü pro Person, die Getränke stellt der Gastgeber selbst. Das ist zwar auch für viele Normalverdiener erschwinglich, doch der größte Teil von Raddatz Auftraggebern seien dennoch Gutverdiener, sagt der Koch. „Nur zehn bis zwanzig Prozent meiner Kunden sind solche, die sich mal was Besonderes gönnen wollen.“

Und trotzdem hat sich was getan auf dem Markt. Ein Mietkoch ist nicht mehr ein Luxus, den sich nur Villenbesitzer in Grunewald oder Potsdam leisten. „Das Interesse an gutem Essen ist allgemein gestiegen“, meint Raddatz. „Auch das Bewusstsein, dass es Mietköche gibt, ist durch die Medien geschärft worden.“

Zugleich tut sich auch auf der Anbieterseite vieles. Mehr als ein Dutzend Mietköche drängt inzwischen auf den Berliner Markt. Viele von ihnen arbeiten aber noch als Leihköche in Restaurants, weil das „eigene“ Einkommen nicht ausreicht. Auch Raddatz hat sich in seiner Anfangsphase so über Wasser gehalten. Seit einem Jahr kann er jedoch ganz gut allein von seinen Aufträgen leben, kleinere Termine gibt er sogar an seine Kollegen ab. „Im Juni hatte ich schon den Jahresumsatz des gesamten letzten Jahres erreicht“, sagt er stolz. Doch Raddatz ist ein vorsichtiger Mensch. Und deshalb arbeitet er auch an den Weihnachtstagen. Seine Familie feiert ohne ihn. „Da müssen wir alle die Zähne zusammenbeißen“, sagt Raddatz. „Denn im Januar werden die Termine wieder spärlicher ausfallen.“

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