Wirtschaft : Ein Königreich für Flüchtlinge

Tausende Iraker gehen nach Jordanien – obwohl sie viel Geld mitbringen, sind sie nicht willkommen

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Von Jay Solomon Der Zustrom irakischer Flüchtlinge hat zu einem Wirtschaftsaufschwung in Jordanien geführt. Doch die Kunden eines Friseurladens in Jabal al Taj, einem der ärmeren Viertel der Hauptstadt Amman, sagen, der Aufschwung sei teuer erkauft. „Die Flüchtlinge nehmen uns die Jobs weg“, sagt der 23-jährige Reifenverkäufer Rafaal Hanna Fasho. Er unterhält sich oft mit seinen Freunden im Friseurladen über die Konsequenzen des Krieges im Irak. „Die Preise sind wegen des Flüchtlingsstroms um fast 50 Prozent gestiegen“, fügt er hinzu. Selbst Lebensmittel seien teurer geworden.

Die Ära nach Saddam verändert den Nahen Osten – im Kleinen und im Großen. US-Präsident George W. Bush spricht von einem frischen Wind der Demokratie, der durch Länder wie Libanon und Ägypten wehe. Kritiker sind dagegen besorgt, dass ein instabiler Irak zur Brutstätte für eine neue weltweite Terrorismuswelle wird. Ein Terror, der sich in dieser Woche bereits im Jordanien entladen hat. Die Selbstmordattentäter, die am Mittwoch die Anschläge auf drei Hotels in Amman verübt hatten, stammten aus dem Irak. Die Skepsis gegenüber den irakischen Flüchtlingen in Jordanien ist seitdem noch größer geworden. Denn der Zustrom von Kapital und Menschen aus dem Irak ist besonders hier zu spüren. So ist seit der amerikanischen Invasion im März 2003 die Bevölkerung Ammans um ein Drittel gewachsen. Jordaniens Wirtschaft wies in der ersten Hälfte dieses Jahres eine Wachstumsrate von fast acht Prozent aus – doppelt so hoch wie vor dem Krieg. Der Wert der Ammaner Börse hat sich in nur zwei Jahren auf 37 Milliarden US-Dollar verdreifacht. Und der Telekommunikationssektor wächst zweistellig. Dieses rapide Wachstum bedeutet aber auch eine steigende Inflationsgefahr – und vergrößert das Wohlstandsgefälle des Landes.

Der jordanische König Abdullah, dessen enge Verbindung zu den USA ohnehin umstritten ist, hat in den vergangenen Jahren mit seinen Wirtschaftsreformen Jordanien zu einem Finanzzentrum im Nahen Osten ausgebaut. Nach einem Plan, der gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds entwickelt wurde, hat die Regierung staatseigene Unternehmen verkauft und die Zölle drastisch gekürzt. Dank neu entwickelter Freihandelszonen, die in Partnerschaft mit israelischen Firmen geschaffen wurden, haben sich die Exporteinnahmen Jordaniens von 1,9 Milliarden US-Dollar im Jahr 2000 auf vier Milliarden US-Dollar in 2004 mehr als verdoppelt. Jordanien ist auch das erste arabische Land, das ein Freihandelsabkommen mit den USA geschlossen hat.

Doch auch zwischen Jordanien und dem Irak gibt es langjährige Wirtschaftsverbindungen. Ein Grund, warum viele Iraker nach dem Sturz Saddam Husseins hierher geflohen sind. So auch zwei Töchter Saddams, Rama und Raghad. Die 36-jährige Raghad hat Amman als Basis genutzt, um ein Verteidigungsteam für den Prozess ihres Vaters aufzubauen. Sie lebt in einer exklusiven Gegend in Amman, wo sie ihre fünf Kinder auf internationale Eliteschulen schickt.

Der 46-jährige Talal Al Gaaod, Sohn einer der bekanntesten irakischen Unternehmerfamilien, betrieb in den 80er und 90er Jahren im Irak ein großes Immobiliengeschäft. Seine über hundert Brüder und Cousins waren Teil eines Firmenimperiums, mit Kontakten in die engsten Kreise Saddam Husseins. Gaaod, Absolvent der Universität von Südkalifornien, dehnte sein Unternehmen auf den Nahen Osten aus, insbesondere auf Amman, Beirut und Dubai.

Als der Irak-Feldzug der Amerikaner abzusehen war, begann Gaaod, sich aus dem Irak zurückzuziehen. „Ich habe zwar gehofft, dass der Irak nach Saddam erstarken könnte“, sagt Gaaod. „Aber die ganze Besetzung war von Inkompetenz gekennzeichnet.“

Sein Unternehmen plante die Entwicklung einer Ölpipeline, die Jordanien mit den Ölfeldern des Irak verbinden sollte. Doch das Chaos und Sicherheitsrisiko im Irak hat Gaaod gezwungen, seine Geschäfte überwiegend auf Jordanien zu konzentrieren. „Die alten Unternehmerfamilien des Irak sind der neuen Regierung in Bagdad nicht willkommen“, sagt er in seinem Büro. An den Wänden hängen Fotos, die Gaaod mit dem jordanischen König Abdullah zeigen. „Deswegen verlagern wir unseren Geschäftsbereich nach Jordanien.“

Die Texte wurden übersetzt und gekürzt von Matthias Petermann (Microsoft), Svenja Weidenfeld (Jordanien), Tina Specht (China) und Christian Frobenius (Malaria).

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