Wirtschaft : Ein Krankenhaus zum Kinderkriegen

Immer mehr Kliniken erkennen, wie wichtig die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist – eine Ärztin erzählt

von
Medizinerin und Mama.
Medizinerin und Mama.Foto: picture-alliance

Birgit Hanisch ist Internistin am Evangelischen Krankenhaus Woltersdorf. Die Mutter zweier Kinder ist schon seit 1996 an der Fachklinik für Innere Medizin/Geriatrie und heute Vollzeit als Assistenzärztin in der Geriatrie tätig. Als ihre Kinder noch klein waren, konnte sie problemlos auf Teilzeit wechseln, um Zeit für Familie und Beruf zu haben. Auch als ihre Eltern pflegebedürftig wurden, ermöglichte ihr das Krankenhaus flexible Arbeitszeiten und bot ihr sogar eine Stelle in der Tagesklinik an, wo die Arbeitsbelastung für die einzelnen Ärzte niedriger ist als in der stationären Medizin.

Immer mehr Krankenhäuser erkennen, dass lange Dienste und eine hohe Arbeitsbelastung weder für Mitarbeiter, noch Patienten gut sind. „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist Teil eines modernen Qualitätsmanagements“, sagt Marina Jakubowski, Qualitätsmanagementbeauftragte in Woltersdorf. Ein solches umfasse alle Bereiche und jeden einzelnen Mitarbeiter. „Nur so kann ein Krankenhaus seinen Patienten mit einem guten Team gerecht werden.“

„Das Haus geht sehr verständnisvoll mit seinen Mitarbeitern um“, bestätigt Birgit Hanisch. Für deren Probleme und Wünsche habe man immer ein offenes Ohr, insbesondere bei unvorgesehenen Ereignissen wie der schweren Erkrankung ihrer Mutter. „Insgesamt habe ich so sieben Jahre Teilzeit gearbeitet“, so Hanisch. Möglich sei das nur gewesen, weil ihr einerseits die Klinikleitung entgegengekommen sei und andererseits die Kollegen für sie eingesprungen wären.

Ihrer Karriere hat das keinen Abbruch getan, im Gegenteil. Nach wie vor profitiert sie auch von dem umfangreichen Weiterbildungsangebot und kann sogar Fortbildungen in Partnerinstitutionen während ihrer Arbeitszeit wahrnehmen. All das zusammen macht das Krankenhaus in ihren Augen zum familienfreundlichen Arbeitgeber.

Mit einer Kernarbeitszeit von 8 bis 15 Uhr und klaren Strukturen in Verantwortung und Zuständigkeit geht das Evangelische Krankenhaus Woltersdorf insgesamt neue Wege. „Früher war man ja als Arzt mit seiner Klinik oder Praxis quasi verheiratet“, sagt Chefarzt Frank Naumann. „Heute ist es auch für uns Ärzte wichtig, eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit zu schaffen. Und als Arbeitgeber wissen wir, dass wir unsere Patienten nur dann in den Mittelpunkt stellen und optimal versorgen können, wenn unsere Mitarbeiter motiviert und nicht ausgebrannt zur Arbeit kommen.“ So fördert das Krankenhaus neben dem Abbau von Überstunden auch Sabbaticals. „Wenn jemand eine längere Auszeit braucht, um sich beruflich neu zu orientieren oder einfach mal etwas anderes zu sehen und zu erleben, dann bedeutet das für uns zwar einen organisatorischen Aufwand“, so Naumann. „Aber wir sehen es auch als einen Mehrwert für das Krankenhaus, wenn unsere Mitarbeiter neue Eindrücke einbringen und ausgeglichen sind.“

Dazu gehört auch, Zeit für die Familie zu haben. Und so verwundert es nicht, dass hier ganz bewusst Mütter mit kleinen Kindern eingestellt werden. Über eine langjährige Kooperation mit einem Kindergarten sei auch für eine gute Betreuung gesorgt, sagt Naumann.

Auch an der Berliner Charité hat man erkannt, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gerade für junge Mediziner entscheidend ist. Die Universitätsklinik unterstützt ihre Mitarbeiter und Studierenden mit einem Elternservice, der bei der Suche nach einem Kindergartenplatz hilft, Notfall- und Ferienbetreuung vermittelt und Erziehungsberatung anbietet. Darüber hinaus bietet die Charité flexible Arbeitszeitmodelle und erkennt krankheitsbedingte Fehlzeiten bei Studierenden mit Kindern an.

„Eine familienfreundliche Personalpolitik lohnt sich für die Kliniken nicht nur menschlich, sondern auch betriebswirtschaftlich“, sagte der Präsident der Deutschen Krankenhaus Gesellschaft (DKG) Rudolf Kösters kürzlich auf einem Fachkongress zum Thema. Zufriedene Mitarbeiter, niedrigere Fluktuationsraten, kürzere Auszeiten und eine schnellere Wiederbesetzung offener Stellen seien ein wichtiger Wettbewerbsvorteil in Zeiten des Fachkräfte- und Ärztemangels.

Dabei beschränkt sich das Thema Familienfreundlichkeit nicht nur auf die Vereinbarkeit von Beruf und Kindererziehung, sondern umfasst auch die Pflege von Angehörigen – wie bei Birgit Hanisch. Allerdings steckt dieses Thema sprichwörtlich noch im OP, da Pflege meist im Verborgenen geschieht und pflegende Angehörige weder institutionelle Unterstützung erhalten, noch einen zeitlichen Vorlauf, um sich darauf vorzubereiten. Die Akzeptanz für ihre Leistung sei noch recht niedrig, obwohl der zeitliche und psychische Aufwand hoch sei, meint Sozialarbeiterin Stefanie Steinfeld von Eldercare Steinfeld, die mit ihrem Beratungs- und Trainingsangebot die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege fördern will. Hier haben die meisten Krankenhäuser noch Nachholbedarf, um geeignete Strukturen und Maßnahmen für ihre Mitarbeiter zu entwickeln. Aber das Thema steht ganz klar auf der Agenda.

Mehr im Internet:

www.familienfreundliches-

krankenhaus.de, www.dkgev.de

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben