Wirtschaft : Ein Kronprinz im Blaumann

Seit fast sechs Jahren bereitet sich John Elkann darauf vor, die Agnelli-Dynastie zu führen

Marcello Berni (HB)

An einem düsteren Winterabend des Jahres 1997 suchte Giovanni Agnelli seinen Enkel John Elkann auf. Bewusst hatte der Patriarch eine späte Stunde gewählt. Niemand sollte von der Unterredung Wind bekommen. In knappen Worten teilte der Alte dem damals 21-Jährigen mit, dass der eines Tages die Verantwortung als Kopf der Agnelli-Dynastie übernehmen werde. „John brach weder in Jubel aus, noch erschrak er“, erzählt sein Bruder Igino. „Seinem Charakter entsprechend, zeigte er sich nach der Unterredung eher noch zurückhaltender als zuvor.“

Rund sechs Jahre später könnte das Versprechen Wirklichkeit werden. Insider erwarten, dass der Wachwechsel bald vollzogen wird. Zunächst rückt zwar der Bruder des verstorbenen Giovanni – der 68-jährige Umberto – an die Spitze der Familienholding Giovanni Agnelli & C., wie der Konzern am Freitag in Mailand mitteilte. Der Konzern kontrolliert über die Holdings Ifi und Ifil rund 30 Prozent der Anteile an Fiat. Doch dürfte Umberto Agnelli eher als Art freundschaftlicher Vormund und als Sprecher der Familie fungieren, sagen Familienkenner. Einen direkten Aufstieg verhindert vor allem das Alter John Elkanns. Er ist erst 26. Seine Mutter Margherita hatte 1955 einen Amerikaner geheiratet. Ihr Sohn führt den Namen seines Vaters - und nicht den der Agnelli-Dynastie.

Dennoch fällt dem jungen Mann eine zentrale Rolle in einem der größten Familienunternehmen der Welt zu. Ab der Fiat-Hauptversammlung in diesem Mai soll er dem Vernehmen nach die Vizepräsidentschaft des angeschlagenen italienischen Autokonzerns übernehmen. John Elkann ist an seine Aufgabe herangeführt worden wie einst Prinzen an die Königswürde: beste Schulen, internationales Umfeld, erlesene Gesellschaft. Zum Tutor seines Enkels hatte Giovanni Agnelli den Fiat-Präsidenten, Paolo Fresco berufen. Der ist zwar inzwischen von der Agnelli-Familie ungern gesehen. Nach herber Kritik kündigte er seinen Rücktritt für kommenden Juli an. Umberto Agnelli wird ihn wahrscheinlich selber ersetzen. Fresco brachte Elkann aber auch mit Unternehmern wie Bill Gates und Michael Dell zusammen. Mit Letzterem hat er nicht nur über die Möglichkeiten des E-Commerce gesprochen, sondern ihm nebenbei auch noch einen Ferrari verkauft.

Im Verwaltungsrat der Agnelli-Holding, dem „Jaki“ seit 1999 angehört, verkehrt der Erbe mit den Großen des Welt-Business, beispielsweise mit Jack Welch, dem früheren Boss von General Electric. So kam der studierte Wirtschaftsingenieur im vergangenen Jahr zu einer Tätigkeit im Beteiligungscontrolling des US-Konzerns. „Dort hat er viel über die US-Bilanzierung gelernt und die amerikanische Führungskultur verinnerlicht“, sagt ein Fiat-Manager. Und vor ein paar Monaten hat Elkann sein Büro im vierten Stock des Turiner Hauptquartiers „Lingotto“ bezogen – direkt gegenüber von Fiat-Vorstandschef Alessandro Barberis.

Giovanni Agnelli fasste seinen Liebling seit der entscheidenden Winternacht vor sechs Jahren nicht nur mit Samthandschuhen an. Zur Abrundung der Prinzenkür schickte der „Avvocato“ seinen Enkel auch in die Niederungen des Arbeiterlebens, ans Band der Fiat-Autofabrik im polnischen Tichy. Auch im mittelenglischen Cannock – beim konzerneigenen Zulieferer Magneti Marelli – zog John den Blaumann an.

Wie sein Großvater einst inkognito für ein paar Wochen als Arbeiter bei Ford in Detroit zubrachte, wussten auch Johns Gastfamilien nie, dass sie es mit einem Blaublütigen des uralten Unternehmeradels zu tun hatten. Es gibt noch eine weitere Parallele zwischen dem Leben des Alten und des Jungen: Wie „Jaki“ wurde auch Giovanni bereits früh von seinem Großvater zum Kronprinzen gekürt.

Keine Skandale beim Erben

Allerdings: Statt John war zunächst eigentlich ein anderer vorgesehen, nämlich dessen Onkel Giovanni Alberto („Giovannino“), ein Sohn Umbertos. Er starb aber vor sechs Jahren im Alter von 33 Jahren an Krebs. Als Vorstandschef von Piaggio (Vespa) hatte er sich einen guten Namen als Manager erworben. Erst nach dessen Tod kam der schüchterne John ins Spiel, dessen Persönlichkeit in einem auffallenden Kontrast zum Wesen des Großvaters steht: Während Giovanni einen Hang zum ausschweifenden Leben hatte, ist der Enkel zurückhaltend. Während Giovanni in seiner Jugend einer der begehrtesten Playboys an der Côte d’Azur war, scheint John kein Frauenheld zu sein. Und das Wichtigste: Als Giovanni das Ruder vor 30 Jahren übernahm, war Fiat erfolgreich. Heute kämpft die Autosparte ums Überleben. John Elkann könnte deshalb als König ohne Kleider enden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar