Wirtschaft : Ein Land auf 747 Seiten

Seit sechzig Jahren gibt das Statistische Bundesamt ein Jahrbuch heraus. Und bildet darin das Leben der Deutschen ab

Jana Gioia Baurmann

Nur noch wenige wissen heute, wie die Sitzpolster im VW Käfer rochen. Und wie es war, zum ersten Mal einen Toast Hawaii zu essen. Für Gefühle und Eindrücke gibt es keine Einheit, Zahlen lassen sich hingegen festhalten: dass ein Käfer 1951 5400 Mark kostete und dass eine Scheibe Kochschinken zwanzig Gramm wog. Wer das deutsche Leben vermessen will, braucht nur ein Buch: das „Statistische Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland“.

In diesem Jahr erscheint es zum sechzigsten Mal, die erste Ausgabe wurde 1952 veröffentlicht. In jenem Jahr passte Deutschland auf 124 Seiten, heute braucht es 747. Damals konnte man lesen, dass die deutsche Frau mit 25 heiratete und Ursula hieß. Der Bräutigam war der 28-jährige Hans. Heute ist Ursula 85 Jahre alt, ihr Hans ist bereits 1987 verstorben. Sie selbst hat viele ihrer Altersgenossen überlebt. Denn, wer wie sie 1926 geboren ist, lebte im Schnitt nur 70 Jahre. Ursula und Hans, ein deutsches Leben vor sechzig Jahren, eines von damals rund 48 Millionen in der Bundesrepublik. Und ein sehr typisches. Ursula und Hans sind der Durchschnitt. Sie sind die Normalität des Jahres 1951. Kunstfiguren, die die Statistik erschaffen hat.

Womöglich wohnt Ursula noch immer in der Vier-Zimmer-Wohnung im Ennepe-Ruhr-Kreis in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland. Abitur hat sie nie gemacht. Sie war Hausfrau. Hans verdiente das Geld für die Familie, er arbeitete als Maurer, rund 49 Stunden die Woche. Fast die Hälfte des Haushaltsgeldes gab Ursula für Lebensmittel aus. Die Ausgaben für Strom, Wasser und Wohnen waren hingegen gering. Das Ehepaar fuhr einen VW Käfer, sie freuten sich über ihren ersten Urlaub an der italienischen Adria und den ersten eigenen Fernseher.

Ursula und Hans würden heute Sophie und Maximilian heißen. Das waren die beliebtesten Namen, die Eltern im vergangenen Jahr ihren Kindern gaben. Auch Sophie und Maximilian würden wahrscheinlich in Nordrhein-Westfalen leben, denn noch immer ist es das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands. Vielleicht hätten sie ein Haus, wie rund die Hälfte der Deutschen. In der Einfahrt stünde ein Golf, das meistverkaufte Auto hierzulande. Ein Drittel ihres Geldes würden sie für Wohnen und Energie ausgeben. Für Lebensmittel wären es nur elf Prozent des Haushaltseinkommens.

Hätten ihre Eltern Abitur, hätten wohl auch Sophie und Maximilian später das Gymnasium besucht und wahrscheinlich studiert. Auch wenn heute rund die Hälfte aller Abiturienten und Hochschulabsolventen weiblich sind – Karriere im akademischen Bereich machen noch immer die Männer. So ist nur jede fünfte Professorenstelle von einer Frau besetzt. Immerhin noch besser als zu Ursulas Zeiten: 1951 war es lediglich ein halbes Prozent. Würde Sophie doch lieber eine Ausbildung machen, würde sie Kauffrau im Einzelhandel werden. Und Maximilian würde womöglich Kfz-Mechatroniker. Der Maurerberuf ist aus der Mode gekommen. In den 1950er Jahren wurde mehr als die Hälfte des Sozialprodukts in Industrie und Handwerk erwirtschaftet, heute dagegen im Dienstleistungssektor.

Sophie und Maximilian werden spät heiraten. Dann wird Sophie 30 Jahre alt sein, und Maximilian 33. Vielleicht lassen sie sich auch gar nicht trauen. Im Gegensatz zu Ursula und Hans, die im Schnitt drei Kinder bekommen haben, geht der Trend heute zum Einzelkind.

Die Bundesrepublik, die Ursula und Hans lange Zeit kannten, war eine junge Republik. 1950 waren zehn Prozent der Bevölkerung 65 Jahre oder älter. Inzwischen ist Deutschland vereint und die Bevölkerung eine der ältesten der Welt. Von den rund 82 Millionen Menschen waren im vergangenen Jahr 17 Millionen 65 Jahre oder älter – doppelt so viele wie noch vor sechzig Jahren. Wenn Sophie 50 ist, werden wahrscheinlich nur noch rund 65 Millionen Menschen in Deutschland leben. Etwa die Hälfte wird dann 50 Jahre und älter sein. An die Rente kann Sophie daher frühestens mit 67 denken. Und wenn alles gut geht, wird Sophie 83 Jahre alt werden, Maximilian 77 Jahre.

Ursula und Hans waren Teil des Wirtschaftswunders. Sophie und Maximilian sind Teil der Globalisierung. Heute würden Ursula und Hans womöglich zu denjenigen gehören, die sagen: „Früher war alles besser.“ Denn in Deutschland liegt die Arbeitslosenquote derzeit bei 6,6 Prozent, das Wirtschaftswachstum bei 2,8 Prozent.

Der VW Käfer heißt New Beetle. Und statt des Testbildes rauschen unablässig bunte Bilder über den Fernsehbildschirm, der im Übrigen heute meist ein Flatscreen ist. Hätten Ursula und Hans damals eine Fernbedienung gehabt, es hätte nur die Eins darauf stehen müssen – für genau ein Programm: das Erste. Inzwischen ist die Monopolstellung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens längst aufgehoben, Sophie und Maximilian können heute aus mehr als einhundert Kanälen wählen. Das Internet ist das neue Fernsehen, der iPod ist der neue Plattenspieler. Doch womöglich würden sich Ursula und Hans gegen diese Neuerungen gar nicht wehren. Sie hätten wohl einen Internetzugang, wie jeder dritte Mensch über 65 Jahren. Und vielleicht würden auch sie ihre Medikamente gegen Bluthochdruck übers Internet kaufen, wie die meisten älteren Internetnutzer. Auch Überweisungen würden sie via Onlinebanking tätigen.

Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert, hat der Schriftsteller Oscar Wilde einmal gesagt. Das Außergewöhnliche, das kann die Cocktailkirsche auf dem Toast, der erste Urlaub in Italien oder der Geruch der Sitzpolster sein. Was Sophies und Maximilians wertvolle Erlebnisse sein werden, wird sich zeigen. Vielleicht in sechzig Jahren.

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