Wirtschaft : Ein lukratives Geschäft

Firmen entdecken die Generation 50plus als attraktive Käufer. Wie Betriebe lernen, sie als Kunden gewinnen.

Lara Sogorski
Volltreffer. So gut ging es der Generation50plus noch nie. Mehr als 3000 deutsche Firmen haben bisher an Fortbildungen teilgenommen, in denen sie lernen, wie Produkte, Marketingkonzepte und Dienstleistungen sein müssen, damit sie den Ansprüchen der Älteren genügen. Foto: picture-alliance
Volltreffer. So gut ging es der Generation50plus noch nie. Mehr als 3000 deutsche Firmen haben bisher an Fortbildungen...Foto: picture-alliance/ gms

Sie stehen fest im Leben, haben auch meist beruflich schon einiges erreicht, verfügen über ein geregeltes Einkommen und daher eine beachtliche Kaufkraft. Sie haben Zeit, da ihre Kinder bereits aus dem Haus sind, und legen als erfahrene Konsumenten Wert auf Qualität, Komfort und Nutzbarkeit. Das ist sie: die Generation 50plus, zumindest wie sie sich in den Augen von Produktentwicklern, Marketingexperten, Händlern und Dienstleistern darstellt.

Für sie ist die Kundengruppe der über 50-Jährigen in den kommenden Jahren die Zielgruppe schlechthin – was nicht nur am demographischen Wandel liegt. Man verspricht sich ein lukratives Geschäft. Dabei geht es natürlich auch darum, diese Menschen auf dem Weg des Alterns zu begleiten. Falsch wäre es aber, sie gleich auf einen Seniorenstatus zu setzen, warnen Experten.

Für Unternehmen ist das eine Herausforderung. Wie müssen Produkte beschaffen sein, damit sie den Ansprüchen der Generation 50plus gerecht werden? Was wird von Händler und Dienstleistern verlangt? Und wie sieht das richtige Marketingkonzept aus, um diese Kunden auf sich aufmerksam zu machen? Um all diese Fragen zu beantworten, bietet zum Beispiel die Gesellschaft für Gerontotechnik (GGT) Schulungen und Seminare für Unternehmen und einzelne Mitarbeiter aus allen Branchen an. Gerontotechnik meint einfach übersetzt generationenübergreifende Technik und Dienstleistung.

Das Weiterbildungsangebot gibt es bereits seit 1993 und basiert auf aktuellen Marktforschungen. Angesprochen sind neben Handwerkern aller Gewerke auch Planer und Architekten, Designer, Industrievertreter, Reiseveranstalter, Journalisten und Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung. Die Veranstaltungen finden zum Teil im Schulungszentrum der GGT in Iserlohn und bundesweit statt. Unternehmen können die Experten zu sich in den Betrieb einladen. Die Kosten hängen von Umfang und Dauer der Kurse ab. Im Schnitt liegt eine zweitägige Veranstaltung für das Fachhandwerk bei 300 Euro. Finanzielle Unterstützung gibt es über die Bildungsprämie aus dem Fördertopf des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und aus dem Europäischen Sozialfond der Europäischen Union. Mehr als deutsche 3000 Firmen haben bis heute an den Fortbildungen teilgenommen, aus der Region Berlin-Brandenburg waren es bereits rund 80, darunter vor allem Unternehmen für Haustechnik und Sanitär.

„Jedes Unternehmen, egal aus welcher Branche, sollte sich der Generation 50plus annehmen. Oder anders ausgedrückt: Keine Firma kommt heute im Grunde darum herum“, sagt Martina Koepp, Geschäftsführerin der GGT. Dafür gebe es drei Gründe. Zum einen werde diese Generation dank des demographischen Wandels zahlenmäßig schlicht immer größer. „Schon heute machen die über 50-Jährigen ein Drittel aller Kunden aus, in einigen Jahren wird es schon die Hälfte sein.“

Zudem zeichne sich diese Gruppe durch eine große Kaufkraft aus. „Sie verfügen über sehr viel Geld und stehen damit als Generation besser dar denn je.“ Erst in zwanzig bis dreißig Jahren sei mit einem Rückgang dieser wohlhabenden Älteren zu rechnen. Besonders wichtig sei aber der dritte Grund: „Diese Zielgruppe hat eine Lupenfunktion für alle Verbraucher“, so Koepp. Durch ihre langjährige Erfahrung als Konsumenten seien sie sehr kritisch, stellten hohe Anforderungen, auch was die Ästhetik betreffe. Das Motto laute darum „was für die über 50-Jährigen ansprechend ist, ist erst recht für Junge gut“. „Wenn man sich auf die Generation 50plus fokussiert, geht es also nicht darum Nischenprodukte zu entwickeln.“

Ein Unternehmen, dass bereits an einer Schulung der GGT teilgenommen hat, ist die Wohnungsgenossenschaft Lichtenberg. Mit mehr als 10 000 Wohnungen gilt der Anbieter als größte Wohnungsgenossenschaft der Stadt. 70 Prozent der Mitglieder sind hier 50 Jahre oder älter. So hat man sich einiges einfallen lassen, um das Wohnen für diese Menschen angenehm zu machen. Es gibt einen so genannten Miniwohndienstleister, der zum Beispiel Gardinen aufhängt und ein Loch für ein Bild in die Wand bohrt. Zwei Mitarbeiterinnen machen regelmäßig Hausbesuche und begleiten beim Gang zu Behörden. Man richte sich damit aber nicht speziell an die Älteren, sondern an jede Altersgruppe.

Ähnlich sieht es Torsten Kruse; der Geschäftsführer von Galeria Kaufhof am Alexanderplatz. Seit 2010 trägt das Haus das Zertifikat „Generationenfreundliches Einkaufen“, verliehen vom Deutschen Einzelhandelsverband. Für Kruse sind die über 50-Jährigen eine sehr wichtige Kundengruppe. Aber auch er betont, dass es trotzdem keine speziell ausgeschriebenen Angebote gebe. „Wir wollen für alle unsere Kunden ein ansprechendes Angebot machen und orientieren uns dabei auch an den Bedürfnissen der Älteren.“

So gibt es beispielsweise viele Sitzgelegenheiten, breite Gänge, größere Umkleidekabinen, Schließfächer, um dort seine Jacke und Tasche während des Shoppings zu deponieren und ab einem bestimmten Warenwert einen Lieferservice, mit dem die Einkäufe direkt nach Hause gebracht werden. Die Schriftgrößen bei Aktionsplakaten und Preisschildern sind häufig größer als früher geschrieben, außerdem gibt es ausbildete Verkäuferinnen, die körperlich eingeschränkte Kunden beim Einkauf begleiten.

Neben passenden Angeboten von Handel und Dienstleistern ist für älter werdende Menschen auch wichtig, dass sich die eigenen vier Wände den veränderten Bedürfnissen anpassen. Zum Beispiel sollte das Bad barrierefrei sein. Darauf hat man sich auch beim Berliner Sanitär- Haustechnikbetrieb Theodor Bergmann eingerichtet. Bauleiter Michael Wagner besuchte vor zwei Jahren ein Seminar zum Thema Barrierefreiheit von der Industrie- und Handelskammer Berlin. „Meine Sichtweise zum Thema hat sich dadurch deutlich verändert“, sagt er.

Vor allem ältere Menschen wünschen sich eine bodenebene Dusche, Haltegriffe und ein erhöhtes Toilette-Becken. Damit soll ein Bad aber nicht dem eines Krankenhauses ähneln. „Dem Kunden ist ein ansprechendes Design wichtig mit Highlights wie Echtglas-Duschabtrennungen oder die Verfliesung in verschiedenen Varianten.“ Außerdem würden bodenebene Duschen auch bei der jungen Generation gerade im Trend liegen.

Mit so einem Argument lässt sich sicher der ein oder andere überzeugen. Wie schwierig die Ansprache der Kundengruppe 50plus sein kann, weiß auch Martina Koepp von der GGT. Deshalb lernen Unternehmen in ihren Seminaren auch, worauf es bei der Vermarktung ankommt. „Grundsätzlich gilt, nicht ein Label '50plus' auf ein Produkt zu kleben, sondern Nutzen und Mehrwert in den Vordergrund zu stellen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben