Wirtschaft : Ein Pole als IWF-Chef?

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Das Rennen um die Nachfolge von Horst Köhler als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) dürfte in diesen Tagen entschieden werden. Die jüngsten Spekulationen konzentrierten sich auf den Spanier Rodrigo Rato und den Franzosen Jean Lemierre, den Direktor der OsteuropaBank. Rato war Finanzminister in der konservativen Regierung José Maria Aznars, die bei den Parlamentswahlen im März abgelöst wurde. Er hinterlässt das Land mit einem ausgeglichenen Haushalt – als eines der wenigen in der Euroregion. Auch Steuersenkungen und eine Verringerung der Arbeitslosenzahlen fallen in seine Amtszeit. Spanien hatte in den letzten Jahren ein bemerkenswertes Wachstum zu verzeichnen.

Wie Rato selbst sagte, hätte Spanien seine finanzpolitischen Hausaufgaben gemacht und andere Länder könnten dasselbe tun. Diese Art Nüchternheit und sein Verständnis davon, was eine Wirtschaft wirklich wachsen lässt, sind für den IWF nur zu begrüßen. Jean Lemierre hingegen ist eher ein Funktionär nach traditioneller französischer Art. Es ist eher unwahrscheinlich, dass er reformerische Impulse in die Arbeitsweise des IWF einbringt. Zum Glück schwindet die Unterstützung für ihn jenseits der Grenzen Frankreichs und Deutschlands.

Doch die EU-Finanzminister könnten bei ihrer Suche nach dem geeignetsten Kandidaten kühner vorgehen. In knapp zwei Wochen wird Polen gemeinsam mit neun weiteren Ländern der EU beitreten. In der Person seines Zentralbank-Präsidenten Leszek Balcerowicz hat Polen einen starken Kandidaten. Als Finanzminister leitete er in den 90er Jahren Polens „Schockprogramm“ beim Übergang zur freien Marktwirtschaft. Er ist Europäer aus einem Land, das noch dabei ist, zu seinen reicheren Nachbarn aufzuschließen. Insofern kann er nachvollziehen, mit welchen Problemen Entwicklungsländer zu kämpfen haben, hat aber auch schon unter Beweis gestellt, dass er imstande ist, diese zu lösen. Wenn die USA ihr Wohlwollen gegenüber einem polnischen Kandidaten bekunden würden, könnte er berufen werden. Der IWF bekäme einen Chef, der nicht reformscheu ist, und die USA könnten einem Verbündeten, der sich trotz seines tapferen Beistands im Irak-Krieg allein gelassen fühlte, ein gewisses Maß an Unterstützung bieten.

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