Wirtschaft : Ein Sachse führt die Lokführer

Carsten Brönstrup

Berlin - Als Claus Weselsky erstmals die Lokführergewerkschaft GDL anführte, lachte die ganze Republik. Allerdings nicht über den Schnauzbartträger mit dem unüberhörbaren sächsischen Akzent, sondern über Manfred Schell, den eigentlichen Vorsitzenden der kleinen Bahn-Truppe. Der hatte sich im Oktober 2007, auf dem Höhepunkt des Tarifstreits mit der Deutschen Bahn, zur Kur an den Bodensee verabschiedet – der damalige Vizechef Weselsky musste für ihn ran. Das wird nicht noch einmal passieren: An diesem Dienstag will sich Weselsky auf der GDL-Generalversammlung in Berlin zum Nachfolger Schells wählen lassen.

Weselsky, 49, tritt in große Fußstapfen. Beinahe 20 Jahre hat Schell, 65, die GDL geführt – und seinen größten Sieg erst kurz vor der Pensionierung errungen. In einem fast ein Jahr währenden Arbeitskampf erstritt er elf Prozent mehr Geld für die rund 20 000 Lokführer in Diensten der Deutschen Bahn. Zudem darf die 141 Jahre alte Gewerkschaft mit dem Staatskonzern einen eigenen Tarifvertrag aushandeln, ohne sich um die größeren Konkurrenzorganisationen scheren zu müssen. Nach diesem Erfolg hatte es lange Zeit nicht ausgesehen, Schells GDL war nicht nur durch sehr üppige Lohnforderungen aufgefallen, sondern auch durch hanebüchene Taktik. Trotzdem behielt sie das bessere Ende für sich – auch weil es Schell gelungen war, Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) auf seine Seite zu ziehen, der der Bahn den Abschluss diktierte.

Weselsky hatte an der Betontaktik entscheidenden Anteil. „Es geht um Arbeitszeit und Einkommen, nicht um Macht“, beteuerte er zwar treuherzig im Tagesspiegel-Gespräch. Er wird anstreben, die Eigenständigkeit der GDL zu festigen. Mit der strikten Ablehnung des geplanten Bahn-Börsengangs ist Weselsky bereits auf diesem Kurs. Mit Erfolg: Durch den Tarifstreit ist die Mitgliederzahl vierstellig gestiegen. Carsten Brönstrup

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