Wirtschaft : Ein Schluck Luxus

Champagner zum Jahreswechsel, warum nicht? Ein bisschen Verschwendung ist dabei – aber gute Tropfen gibt es schon für 20 Euro

Bernd Matthies

Was ist denn nun dran am beliebtesten Getränk der westlichen Welt? „Champagne" ist erst einmal nur ein Name, und es spricht grundsätzlich ja nichts dagegen, ein nahezu identisches Produkt in allen anderen klimatisch geeigneten Gegenden herzustellen. Doch neben Bouquet und Geschmack ist es vor allem die spezifische Leichtigkeit, die unmittelbar belebende Wirkung, die die meisten Champagner über ihre Konkurrenten hebt. Die einzigartigen Kreideböden der Champagne, einer sehr weit nördlich angesiedelten französischen Weinbauregion, scheinen einen ganz besonderen Einfluss auszuüben. Fans schwören zudem, dass sie einen langen Abend mit Champagner angenehmer und weniger trunken überstehen, als würden sie die gleiche Menge Alkohol in Rotwein oder Schnaps einnehmen. Kein Wunder also, dass auch in diesem Jahr wieder die Freunde des perlenden Klassikers Kisten voller Champagner in ihre Einkaufswägen laden, um für den kommenden Silvester-Dienstag und den Start ins neue Jahr gerüstet zu sein.

Doch Mythos und Realität stimmen nicht immer überein. Denn auch Champagner ist nur ein Schaumwein, und bisweilen – vor allem in vielen Markenabfüllungen der unteren Qualitätsstufen – stammt er aus unreifem Lesegut. Das schmeckt man. Diese Sorten nerven schnell mit säuerlichen „grünen" Tönen und lassen den dringenden Wunsch nach einem frischen, dämpfenden Bier aufkommen. Andere Champagner bestechen zwar mit angenehmem Bouquet, hinterlassen aber auf der Zunge nur einen Hauch von Geschmack und eine flüchtige Erinnerung. Scharfe Rechner stellen dann schnell fest, dass jeder gute deutsche Winzersekt für den halben Preis ein Vielfaches an Ausdruck und Charakter mitbringt.

Was Discounter verkaufen

Andererseits ist gerade der Preis des edlen Schlucks zwar nie niedrig gewesen, er hält sich aber seit vielen Jahren auf einem relativ konstanten Einstiegspreis. Das hält die großen Discounter nicht davon ab, diesen Preis noch deutlich zu unterbieten. Sie profilieren sich ständig mit Angeboten schon für etwa die Hälfte – dafür bekommen die Kunden zweifelsfrei echten Champagner aus durchaus seriösen Quellen, der nicht schlechter schmecken muss als bekannte Allerweltssorten. Leider zeigen diese Tropfen auch garantiert keinen individuellen Charakter.

Entscheidend für die Ruhe an der Preisfront ist gegenwärtig der stark zurückgegangene Absatz. Der Export nach Deutschland, das drittwichtigste Abnehmerland, ist nach einem Höhepunkt 1997 (19,4 Millionen Flaschen) auf nur noch 12,8 Millionen im Jahr 2001 zurückgegangen; auch das hoffnungsträchtige Millennium hat diesen Trend nicht brechen können. Ohnehin spielt Champagner mengenmäßig im Konzert der Rotkäppchen-, Faber- und Wachenheim-Sekte nur eine winzige Nebenrolle: Immerhin haben die deutschen Sektkellereien im vergangenen Jahr rund 374 Millionen Flaschen verkauft. Der Champagner-Export in andere Länder läuft für die französischen Winzer besser – aber auch in Deutschland sieht es im laufenden Jahr nach einer winzigen Trendwende aus.

Den Fans wird das gleichgültig sein, zumal jenen, die sich an die teuren Prestige-Cuvées halten. Die Gretchenfrage, ob ihre Qualität Flaschenpreise von 80 Euro und mehr rechtfertigt, lässt sich vernünftig und sachlich nicht beantworten. Amateure sollten vor dem Kauf zumindest einen Kenner fragen – sonst erwischen sie statt des vorzüglichen 1995er Dom Perignon beispielsweise noch Reste des bedeutend schlechteren 1992ers, der sein Geld nicht wert ist. Vieles ist ohnehin Geschmackssache, beispielsweise das Holz. Nur wenige Firmen bauen die Grundweine noch in den traditionellen Holzfässern aus, was den Champagner am Ende reichhaltiger, komplexer macht. Die berühmten Marken Jacques Selosse, Bollinger und Krug stehen für diesen Stil, während die überwiegende Mehrheit der Hersteller den Ausbau im Stahltank bevorzugt, der die Frische und den mineralischen Charakter der Weine betont.

Was Experten empfehlen

Zu den permanenten Geheimtipps mit Genuss-Garantie gehört die Marke Billecart-Salmon, die ihren Preis auf jeder Qualitätsstufe wert ist (zum Beispiel erhältlich bei Maître Philippe, Emser Str. 20, Wilmersdorf). Ebenso zuverlässig und recht preiswert sind die verschiedenen, besonders in der Gastronomie beliebten Abfüllungen der Firma Legras & Haas, die es in Berlin nur bei Wein & Glas (Prinzregentenstr. 2, Wilmersdorf) gibt. Der Blanc de Blancs ohne Jahrgang kostet 22 Euro, der 95er Jahrgangschampagner, eine deutliche Steigerung, ist für 24 Euro zu haben.

Für exakt 25 Euro verkauft die Enoteca Blanck in der Ludwigkirchstr. 11 in Wilmersdorf den Poul-Justine Carte blanche, einen besonders ausdrucksstarken Champagner aus den Weinen von vier Jahrgängen. Und eine besonders umfassende Auswahl bietet das „Maison de Champagne" in der Motzstraße 17 in Schöneberg.

Und der Beste? Diese Frage ist nicht zu beantworten. Einer der teuersten und seltensten Champagner ist der „Clos du Mesnil", den die berühmte, inzwischen bei Moët & Chandon gelandete Firma Krug aus einer einzigen umfriedeten Lage im Ort Le Mesnil-sur-Oger erzeugt. An Schliff, Rasse, Komplexität und Eleganz kaum zu überbieten – und nicht unter 200 Euro im Handel, je nach Jahrgang auch noch bedeutend höher. Ob dieser Champagner seinen Preis wert ist oder nicht – das liegt ganz auf der Zunge des Betrachters.

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