Wirtschaft : Ein schwacher Euro regt die Phantasie der Börsianer an

Daniel Rhée-Piening fragte Hans-Walter Peters, Generalbevollmächtigter Direktor und zuständig für das Wertpapiergeschäft der Hamburger Berenberg Bank.

Herr Peters, der Euro schwächelt. Muß mich dies als Anleger überhaupt interessieren?

Solange die Euroschwäche nicht zu einem generellen Vertrauensverlust in die neue Währung führt, können die Anleger relativ gelassen bleiben. Momentan erhöht der abgewertete Euro unsere Exportchancen auf den Weltmärkten. Bei anhaltend schwachem Euro könnte damit die derzeitige Konjunkturschwäche schneller überwunden werden. Diese Phantasie honoriert die Börse in der Regel mit Kurssteigerungen.

Welche Papiere aus dem Euro-Stoxx favorisieren Sie?

Unter den Euro-Stoxx-Werten sollte der Anleger solche Papiere bevorzugen, die von bestimmten, übergeordneten Investmentthemen profitieren. Dazu zählt die anhaltende Übernahme- und Fusionsphantasie. Hiervon sind praktich alle Branchen betroffen. Im Mittelpunkt stehen jedoch die Banken und der Telekommunikationsektor. Unter dem Gesichtspunkt einer im zweiten Halbjahr einsetzenden Konjunkturbelebung sind zudem Titel aus der Grundstoffindutrie (Öl, Chemie, Stahl) und den klassischen Exportsektoren zu bevorzugen. Auf unserer Empfehlungsliste stehen aktuell beispielweise Bayer, Siemens, Portugal Telecom, Ericsson, ING oder auch DaimlerChrysler.

Wie steht es mit amerikanischen Aktien?

US-Aktien sind sowohl historisch gesehen als auch im Vergleich zum amerikanischen Rentenmarkt sehr hoch bewertet. Zinsen von sechs Prozent und darüber lassen normalerweise eine Bewertung des Aktienmarktes mit den siebzehnfachen Unternehmensgewinnen zu. Tatsächlich liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis aktuell auf der Basis der für das Jahr 2000 erwarteten Gewinne bei einem Wert von mehr als 25,5 Prozent. Hieraus ergibt sich eine Überbewertung des Gesamtmarktes von mehr als 30 Prozent. Diese Bewertungslücke läßt sich entweder durch einen drastischen Zinsrückgang oder über eine entsprechende Kurskorrektur der Börse schließen. Deshalb raten wir bei amerikanischen Aktien zur Voricht.

Steigen die Zinsen? Ist Vorsicht bei den festverzinslichen Wertpapieren geboten?

Die Weltwirtschaft insgesamt wird sich deutlich erholen. Wichtige Rohstoffnotierungen wie etwa der Rohölpreis spiegeln diese Erwartungen wider. Hieraus resultiert bereits eine spürbare Beschleunigung der industriellen Erzeugerpreise diesseits und jenseits de Atlantiks. Wir gehen davon aus,daß auch in Euroland das Inflationstief in diesem Frühjahr erreicht worden ist. Die Rentenmärkte haben auf die Ausicht wieder höherer Preissteigerungsraten mit ersten Zinssteigerungsraten reagiert. Ein "normales" Zinsniveau, wie es vor dem Ausbruch der Verschuldungskrise Asiens, Rußlands und Lateinamerikas herrschte, ist jedoch erst wieder bei Anleiherenditen von über fünf Prozent erreicht. Bei festverzinslichen Wertpapieren erwarten wir Kursverluste. Über pari notierende langlaufende Anleihen sollten daher verkauft und in kürzere Laufzeiten beziehungsweise geldmarktnahe Titel getauscht werden.

Vor der Einführung des Euro dachte mancher Anleger über eine Flucht in Sachwerte nach. Ist dies jetzt wieder angebracht?

Die Flucht in Sachwerte macht nur Sinn, wenn es nachhaltige Anzeichen für eine fundamental begründete Aushöhlung des Geldwertes gibt. Diese könnte inflationär bedingt oder auf eine überbordende Staatsverschuldung zurückzuführen sein. Beides ist in Euroland weit und breit nicht in Sicht. Eine konservative Vermögensstruktur berücksichtigt allerdings stets einen gewissen Immobilienanteil. Über diese normale beziehungsweise neutrale Quote hinaus besteht nach unserer Einschätzung derzeit kein Handlungsbedarf. Der Euro wird keine Schwachwährung. Im Gegenteil: Auf mittlere bis längere Sicht dürfte es zu einer Befestigung gegenüber dem US-Dollar kommen, weil Euroland im Wachstumstempo die USA annähernd einholen wird.

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