Wirtschaft : Ein Sexskandal beschäftigt die Wall Street und die Gerichte

ANN DAVIS

Eric Kurschus hatte eine glänzende Zukunft vor sich.Er war beim Investmenthaus PaineWebber für den Verkauf zuständig, verdiente 117 000 Dollar im Jahr und hatte gute Aussichten, demnächst befördert zu werden.Doch dann forderte man ihn auf zu kündigen."Ich möchte, daß Sie aus meinem Leben verschwinden" sagte sein Chef eines Morgens zu ihm.Es ging nicht um seine Arbeit.Es ging um eine private Angelegenheit.Kurschus hatte sich mit der Frau seines Chefs eingelassen.

Inzwischen hat der 33jährige die Firma, seinen ehemaligen Chef und dessen Frau verklagt - wegen sexueller Belästigung.Er behauptet, die Frau seines Chefs, Marlene Sager, habe ihm über anderthalb Jahre lang bei Firmenfesten und Betriebsausflügen Avancen gemacht.Außerdem habe sie ihn täglich bei der Arbeit mit sexuellen Anzüglichkeiten behelligt.Kurschus sagt, er habe Nachteile im Job befürchtet, wenn er sie brüskiere.Seine Version der Angelegenheit wird von einigen Kollegen gestützt, die im Vorverfahren bezeugten, daß Marlene Sager unverblümt mit Mr.Kurschus geflirtet habe.Sie habe ihn zum Beispiel öffentlich daran erinnert, daß er die Frau seines Chefs bei guter Laune halten müsse, erinnert sich ein Kollege.Frau Sager bestreitet derartige Annäherungsversuche, gibt aber zu, daß es einmal im Range Rover ihres Ehemannes zu einem sexuellen Kontakt mit Kurschus gekommen sei.

Der Fall wurde schnell zum Problem für PaineWebber.Brian Sager erklärte, nicht mehr mit Kurschus arbeiten zu können.Kurschus wurde von Frau Sager wegen sexueller Nötigung angezeigt und anschließend verhaftet.Kurschus mußte gehen.Letztlich wurde er zwar nicht strafrechtlich verfolgt.Aber sein Leben wurde auf den Kopf gestellt.Keine große Wall-Street-Firma will mehr mit ihm zu tun haben.Seine Ehe ging in die Brüche.

Das Verhältnis zwischen dem ambitionierten Jungbanker und seinem Vorgesetzten war schon bald nach Kurschus Versetzung in die Abteilung Sagers gestört.Sager sei verärgert gewesen, daß er Provisionen mit ihm teilen mußte und befürchtete, daß Kurschus die Firma bald verlassen werde und seine Klienten abziehen könnte.Nach dem Vorfall im Range Rover, zu dem es - so behauptet Ellen Sager - nicht auf ihre Einladung hin gekommen sei, sondern während einer Besichtigungsfahrt zu einem Anwesen auf Long Island, das die Immobilienmaklerin Sager dem Banker habe verkaufen wollen, beichtete Frau Sager das Geschehene noch in der Nacht ihrem Mann.

Am darauffolgenden Montag zitierte Sager wütend Eric Kurschus zu sich und forderte ihn auf, sofort einen Aids-Test zu machen und außerdem aus seinem Leben zu verschwinden.Kurschus weigerte sich zu kündigen.Noch am selben Morgen wurde die Angelegenheit Chefsache für den PaineWebber-Boss Marrapodi.Ellen Sager beschuldigte Kurschus, sie angegriffen zu haben und forderte Marrapodi auf, diesen zu feuern.Brian Sager weigerte sich, weiterhin mit Kurschus zusammenzuarbeiten.Nachdem Kurschus sich weigerte, einen HIV-Test zu machen, erstattete Ellen Sager in der Nacht zum Dienstag Strafanzeige und machte eine Aussage vor der Polizei.Dienstags versuchten die Verantwortlichen bei PaineWebber die Situation zu entschärfen, indem sie ein Treffen von Kurschus und Brian Sager arrangierten.Kurschus behauptet, Sager habe ihm dabei gedroht, die Strafanzeige nur dann zurückzunehmen, wenn Kurschus das Unternehmen freiwillig verlasse.Am nächsten Tag wurde Kurschus in der Firma verhaftet und verbrachte eine Nacht im Gefängnis.Als er am Tag danach wieder zur Arbeit erschien, wurde er jedoch nach Hause geschickt.Nachdem in der Presse Berichte über seine Verhaftung erschienen, berief PaineWebber eine Versammlung auf höchster Ebene ein.Man erwog eine Versetzung von Kurschus nach Los Angeles, kam dann aber doch gemeinschaftlich überein, daß er wegen der schädlichen Auswirkungen der verhängnisvollen Affäre auf das Image der Firma gehen müsse.

Nach Angaben seines Anwalts Maurice Heller stimmte Kurschus einer Kündigung unter der Bedingung zu, daß die Firma keine Einzelheiten der Beschuldigungen in das offizielle Formular aufnehme, das der Nationale Verband der am außerbörslichen Handel beteiligten Wertpapierhändler (NASD) bei der Beendigung eines Arbeitsverhältnisses fordert.In einem Brief des Firmenanwalts heißt es: "PaineWebber geht davon aus, daß die dem anhängigen Strafverfahren zugrunde liegende Tat nicht als Delikt im Zusammenhang mit dem Börsenhandel eingestuft werden kann".

Die Sagers wurden im Strafverfahren gegen Kurschus zwar wiederholt als Zeugen vor die Jury geladen, zu einer Aussage kam es aber nie.Beide erklärten, nachdem Kurschus das Unternehmen verlassen hatte, sie seien zu beschäftigt, um der Vorladung Folge zu leisten.Frau Sager erklärte darüber hinaus, sie wolle nun in die Zukunft blicken.Nachdem die Hauptbelastungszeugin nicht mehr zur Verfügung stand, empfahl der Vertreter der Anklage, das Verfahren einzustellen.Doch nun klagte Kurschus: gegen die Sagers und PaineWebber wegen böswilliger Rechtsverfolgung und sexueller Belästigung.Außerdem verklagte er die Firma wegen Verleumdung, nachdem er erfahren hatte, daß sie auf dem Formular der NASD die Frage, ob er wegen eines "Delikts im Zusammenhang mit dem Börsenhandel" gefeuert worden sei, mit "Ja" beantwortet habe.Außerdem wurde seine Verhaftung wegen Unzucht erwähnt.

Davon hatte Kurschus erfahren, als er endlich einen Job als Börsenmakler gefunden hatte.Zwar behielt er seine Stelle, mußte sich aber einigen peinlichen Fragen stellen.PaineWebber hat inzwischen das Formular der NASD geändert und verneint jetzt die Frage der Vorstrafe.Allerdings bleibt die Verhaftung wegen Unzucht erwähnt.Es wurde nur hinzugefügt, daß das Verfahren eingestellt wurde.Während nun die schiedsrichterliche Entscheidung im Verfahren gegen PaineWebber erwartet wird, bat Brian Sager das Gericht, das gegen ihn wegen böswilliger Rechtsverfolgung anhängige Verfahren einzustellen.Auch wenn er der Darstellung seiner Frau immer Glauben geschenkt habe, sei es nie seine Absicht gewesen, die Polizei einzuschalten.

Übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Fusionen), Svenja Rothley (Sexskandal), Sigrun Schubert (Deutsche Bank) und Michelle Schmitz (Rußland)

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