Wirtschaft : „Ein Signal der Solidarität“

Die G-7-Staaten bremsen den rasanten Höhenflug des Yen

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Schwere Zeiten. In der ganzen Welt stehen wegen der Katastrophe in Japan Fabriken still. Auch die Aktienmärkte, hier in Schanghai, haben sich noch nicht beruhigt. Foto: Reuters
Schwere Zeiten. In der ganzen Welt stehen wegen der Katastrophe in Japan Fabriken still. Auch die Aktienmärkte, hier in Schanghai,...Foto: REUTERS

Berlin - Keine guten Nachrichten, nirgends. Die Autofabriken von Toyota und Honda werden nach dem Erdbeben und dem Tsunami vom vorvergangenen Freitag wohl noch wochenlang still stehen. Nicht anders sieht es bei den Chipherstellern aus. Ohnehin restlos zerstört sind viele Straßen, Schienen, Häfen, Flughäfen und Stromleitungen. Auf bis zu 140 Milliarden Euro taxieren Fachleute in groben Schätzungen den Schaden durch die Katastrophen.

Doch jetzt gibt es erstmals wieder Hoffnung für das gebeutelte Land. Die großen Industriestaaten haben in einer gemeinsamen Aktion die rasante Aufwertung des Yen gestoppt. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, die USA und Kanada verkauften seit der Nacht zu Freitag die japanische Währung in großem Stil. Ein „Signal der Solidarität“ habe man setzen wollen, sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hinterher. Mit Erfolg: Der Höhenflug des Yen wurde gestoppt. Er war zuvor gegenüber dem US-Dollar auf den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg gestiegen.

Die Finanzminister und Notenbankpräsidenten der G-7-Staaten hatten in der Nacht zum Freitag in einer Telefonkonferenz beschlossen, gemeinsam gegen den Yen-Anstieg vorzugehen. „Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen“, kommentierte Gertrude Tumpel-Gugerell, Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank, die Maßnahme. Die Wirkung stellte sich umgehend ein: Zuletzt kostete ein Dollar mehr als 81 Yen, am Donnerstag waren es zeitweise nur noch 76,25 Yen gewesen. Auch der Euro erholte sich. An der Börse in Tokio sowie an anderen asiatischen Märkten stiegen die Kurse umgehend.

Ein hoher Wechselkurs verteuert japanische Waren im Ausland und macht sie damit weniger konkurrenzfähig. Die wichtigsten Kunden der japanischen Wirtschaft sind die USA und China, deren Währung an den Dollar gekoppelt ist.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger begrüßte den Schritt. „Die G-7-Staaten wollen verhindern, dass neben den vielen anderen Problemen jetzt auch noch die Kosten für Japans Wirtschaft steigen“, sagte der Würzburger Ökonom dem Tagesspiegel. Es sei auch im Interesse der Weltwirtschaft, jetzt „extreme ökonomische Erschütterungen“ in dem Inselstaat zu verhindern.

Warum der Yen überhaupt so deutlich aufgewertet hatte, ist umstritten. „Spekulative Prozesse“ sieht Bofinger am Werk. „Das zeigt, wie pervers das Weltwährungssystem ist, dass ein Land mit derartigen Lasten wie Japan noch zusätzliche Probleme bekommt.“ Auch der Finanzminister des Landes, Yoshihiko Noda, hatte „Spekulationen und nervöse Bewegungen“ für die Entwicklung verantwortlich gemacht.

Andere Ökonomen hatten den Kursanstieg damit erklärt, dass Japaner Geldanlagen im Ausland aufgelöst haben, um Mittel für den Wiederaufbau des Landes zu haben. Sie sollen ihre sogenannten Carry Trades aufgelöst haben, Ersparnisse in ausländischer Währung also. Wegen des seit Jahren niedrigen Zinsniveaus in Japan tauschen die Anleger Yen in eine Währung, die höhere Zinsen verspricht. Dort legen sie das Geld dann mit einer besseren Rendite an. Dies ist unter Firmen und Privatleuten weit verbreitet, daher machen sich Umschichtungen im steigenden Yen bemerkbar.

Die Intervention ist auch deshalb bemerkenswert, weil es seit elf Jahren die erste gemeinsame Stützungsaktion der G-7-Staaten war. Der Verbund der einstmals wichtigsten sieben Industriestaaten hat seit Beginn der Finanzkrise 2008 massiv an Einfluss verloren. Die G20, in der auch die aufstrebenden Schwellenländer vertreten sind, gelten seither in Fragen der Weltwirtschaft als gewichtiger. Allerdings sind sie angesichts ihrer oft widerstreitenden Interessen weniger handlungsfähig. Die G7 haben nun bewiesen, dass weiter mit ihnen zu rechnen ist.

Die Unsicherheit über die Zukunft der drittgrößten Volkswirtschaft bleibt aber groß. In den vergangenen Tagen war es an den Märkten zu heftigen Turbulenzen gekommen. Der Nikkei-Index hat seit dem Beben zwölf Prozent verloren und den Dax (minus 5,7 Prozent) und andere europäische Börsen mitgerissen. Vergleichsweise stabil hielt sich die US-Börse, der Dow Jones büßte nur ein Prozent ein. Kapitalmarktexperten glauben nicht, dass sich die Märkte schnell erholen. „So lange die Situation in den beschädigten Kernkraftwerken nicht unter Kontrolle gebracht ist, wird die Unsicherheit für eine hohe Volatilität sorgen“, glaubt etwa die Hessische Landesbank.

Der Wirtschaftsweise Bofinger sieht aus einem anderen Grund Folgeschäden auf die Weltwirtschaft zukommen. „Die Länder werden erkennen, dass ihr Wohlstand zumindest teilweise auf einer Energiequelle beruht, die mit elementaren Risiken behaftet ist.“ Die Wende hin zu anderen, teureren Energieträgern werde einen „Angebotsschock“ auslösen. „Dies wird die Wachstumsdynamik drücken.“

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