Wirtschaft : Ein Spediteur flaggt aus

Ein deutscher Unternehmer nutzt EU-Recht – und geht nach Zypern

Heinrich Thies

Uelzen - Bisher ist Hubertus Kobernuss vor allem nach Zypern gefahren, um Urlaub zu machen. Künftig treibt es den Spediteur aus Uelzen dienstlich auf die Insel im südöstlichen Mittelmeer. Er flaggt aus. Mindestens 15 seiner Lastwagen sollen künftig mit zyprischen Kennzeichen fahren – und zwar nicht nur auf der Insel, sondern in ganz Europa, auch in Deutschland. Mit der erforderlichen EU-Lizenz hat Kobernuss Chancen, zu einem Pionier der Branche zu werden. Wenn seine Idee Schule macht, werden die Kapitäne der Landstraßen künftig unter der gleichen Billigflagge fahren wie heute schon viele Kapitäne der Weltmeere.

Die Verlagerung nach Zypern lohnt sich. Alleine die Kraftfahrzeugsteuer fällt um rund 1000 Euro pro Jahr niedriger aus. Bei den Personalkosten liegt die monatliche Ersparnis bei mindestens 2000 Euro, denn Kobernuss darf sich die Arbeitskräfte für sein zypriotisches Tochterunternehmen auch in Polen und Tschechien suchen. Hinzu kommen als weitere Vorteile die deutlich geringere Gewinnbesteuerung und der Wegfall zahlreicher Auflagen und Kontrollen.

Filialen in Polen und Tchechien haben bereits andere deutsche Spediteure eröffnet. Doch damit dürfen sie zum Beispiel keine innerdeutschen Touren fahren. Kobernuss, der gemeinsam mit seiner Frau Hiltrud 95 Mitarbeiter beschäftigt und 70 Lastwagen sein Eigen nennt, ist solchen Beschränkungen nicht unterworfen. Der Niedersachse nutzt eine Sonderregelung im EU-Recht. Danach können Speditionen in Malta, Zypern und Slowenien in der gesamten EU Transporte übernehmen, weil von ihnen laut Gesetz keine Marktstörung ausgeht.

Kobernuss darf mit dem Subunternehmen nicht nur deutsche Kunden bedienen und deutsche Straßen befahren, sondern auch deutsche Fahrer beschäftigen – zu zyprischen Bedingungen versteht sich. Zunächst will der 43-Jährige aber erst einmal Polen beschäftigen. Knapp 20 polnischen Kraftfahrern hat er schon eine Zusage erteilt. Sie müssen natürlich nicht nach Zypern fliegen, um ihre 40-Tonner in Empfang zu nehmen. Die Firma hat zwar ihren Sitz im griechischen Teil der Mittelmeerinsel, die Lastwagen aber stehen unter anderem in Uelzen. „Um die Sache richtig hochzukochen“, will Kobernuss auf seinem Gelände bald die Flagge Zyperns hissen.

Hinter all dem steht großer Zorn. „Deutsche Speditionen sind international einfach nicht mehr konkurrenzfähig“, sagt Kobernuss. Rund 25 Prozent seiner Umsätze habe er an die osteuropäische Konkurrenz verloren. Zu den wirtschaftlichen Problemen komme der schlechte Ruf der Branche: „Wir gelten als Umweltverschmutzer, Straßenzerstörer, potenzielle Killer und Maut-Flüchtlinge.“ Ein Zeichen habe er setzen wollen, aber vielleicht werde auch mehr daraus. Es sei denkbar, dass irgendwann einmal alle seine deutschen Fahrer mit dem Kennzeichen „CY" unterwegs seien. „Wenn die Existenz meines Unternehmens auf dem Spiel steht, habe ich doch gar keine andere Wahl.“

In Deutschland trifft die Initiative des Uelzeners hingegen auf geteilte Reaktionen: Während die Gewerkschaft Verdi gegen das Zypern-Modell protestiert, zeigt Niedersachsens Wirtschaftsminister Walter Hirche (FDP) Verständnis und spricht von einem Alarmzeichen: „Die bürokratischen Vorschriften treiben die Kosten in die Höhe. Da müssen wir was machen.“

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