Wirtschaft : Ein Spiel mit dem Feuer

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Kreditfinanzierte Wertpapiergeschäfte in den USA mit 280 Milliarden Dollar auf Rekordhöhe - Deutsche Anleger noch vorsichtigmm/khh

Seit dem Einbruch der US-Börsen am vergangenen Freitag geht unter den Anlegern die Angst vor einem Crash um. Besonders ein Risiko ist durch den Kursrutsch wieder in den Blickpunkt gerückt: Der Aktienkauf auf Kredit. In den USA hat das Volumen kreditfinanzierter Wertpapiergeschäfte im März mit 280 Milliarden Dollar einen neuen Rekord erreicht. Kommen die Kurse ins Rutschen, kann die Spekulation auf Pump einen fatalen Dominoeffekt auslösen. Sackt der Kurs der mit fremden Geld finanzierten Aktien unter die Deckungsgrenze für den Kredit, müssen die Anleger eigenes Kapital nachschießen (Margin Call). Können die Investoren die nötige Summe nicht schnell besorgen, verkaufen die Banken die Aktien. Mögliche Folge: Ein ohnehin schon schwacher Markt gerät in eine Abwärtsspirale. Zwar haben die Aktienkäufe auf Kredit nach dem Börsenboom zu Beginn des Jahres auch in Deutschland zugenommen, doch eine Gefahr für die Kurse sehen Banken und Aktionärsschützer noch nicht. Dazu sei das Volumen zu gering. Mit konkreten Zahlen können die Experten ihre Vermutung allerdings nicht untermauern, denn verlässliche Daten zur Wertpapierkreditvergabe existieren in Deutschland nicht.

Bei Comdirect verfügen derzeit rund zehn Prozent der insgesamt 400 000 Wertpapierkunden über eine Kreditlinie. "Das heißt aber noch lange nicht, dass auch alle diese Möglichkeit nutzen", erläutert Andreas Bartels, Sprecher der Direktbank. Comdirect-Kunden können inländische Aktien bis zu 50 Prozent des Wertes "auf Pump" finanzieren, bei ausländischen Dividendentiteln liegt die Beleihungsgrenze bei 30 Prozent. Voraussetzung: Ihr Depotwert umfasst 20 000 Mark. Die Zahl der eingeräumten Kreditlinien sei zwar in den vergangenen Monaten im Gleichschritt mit der Gesamtkundenzahl gestiegen, erläutert Bartels. Ein überproportionales Wachstum könne man aber nicht feststellen. "Aus den Deutschen ist noch lange kein Volk von Zockern geworden". Zwar sei die Zahl der Margin Calls mit Beginn der Börsenkorrektur gestiegen, besorgniserregend sei die Entwicklung aber nicht. Außerdem hätten die Kunden vier Wochen Zeit, einen überzogenen Kredit wieder auszugleichen, bevor die Bank daran gehe, die Wertpapiere zu verkaufen. Anders sieht die Lage in den USA aus: Dort lassen die Banken ihren Kunden nur drei Tage Zeit, um eine Schieflage auszugleichen. Nach den jüngsten Turbulenzen haben einige Institute diese Frist sogar auf einen Tag verkürzt. Ähnlich wie Bartels beurteilt auch Stefanie Förster vom Direktbroker Consors die Lage. "Wertpapierkredite nutzen vor allem die erfahrenen Anleger, die sich über die möglichen Konsequenzen bewusst sind", erläutert sie. Einen deutlichen Anstieg der Margin Calls während der Korrekturphase an den internationalen Börsen habe man bei Consors nicht feststellen können. Klaus Winker, Sprecher der Deutschen Bank24, sieht grundsätzlich keine Entwicklung zum Aktienkauf auf Pump. "Das Volumen der Kredite ist relativ konstant geblieben." Die Angst vor einem durch kreditfinanzierte Börsenspekulationen ausgelösten Kursrutsch, hält auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) für unbegründet. "Zwar ist die Versuchung, Aktien auf Kredit zu kaufen größer geworden, doch der Börse insgesamt droht wohl keine Gefahr", sagt DSW Sprecher Jürgen Kurz. "Wer sein Börsenengagement mit Eigenkapital finanziert, hat genug Substanz, um auch Verluste aussitzen zu können", erläutert Kurz. Aktien auf Pump hingegen seien gefährlich. "Bei Kreditfinanzierten Käufen kann der Anleger plötzlich mit ganz realen Schulden dastehen, und die treiben die Banken schnell ein", betont der Aktionärsschützer.

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